DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Nikotinabusus
Meine persönliche Misere zwingt mich bedauerlicherweise
zu einem abrupten Themenwechsel, werte Eleg. Denn
wenn ich etwas bin, dann Narziss in meinem Elend. Vor zwölf
Tagen stand ich aus Gründen, die der näheren Erläuterung
hier nicht bedürfen, zweieinhalb Stunden brüllend vor der
Olympiahalle in München, gewandet in ein singuläres
T-Shirt nebst Hose bei –2 Grad. Die logischen Folgen dessen:
Husten, Schupfen, Fieber, Halsweh. Und dem auf
dem Fuße: 296 Stunden, 47 Minuten und 32 Sekunden
ohne Nikotin! Normalerweise vermögen mich
Lappalien wie Bronchitis, Angina Pectoris, Lungenentzündung,
Kehlkopfkrebs, das Gesundheitsministerium … etc. nicht
vom Zigarettenkonsum abzuhalten, aber diesmal habe ich
freiwillig absolutes Neuland betreten. Das ist die längste Zeit
ohne Zigarette, seit ich dreizehn Jahre alt war.
Begonnen zu rauchen habe ich wie jeder gesunde,
normal entwickelte junge Mensch aus zwei Gründen:
1)Weil mir, als ich mit zwölf vor Baywatch saß und onanierte,
der Geist James Deans erschien und eröffnete, ich würde
dergleichen in Zukunft nicht mehr nötig haben, wenn
ich mir von jetzt an zwei Packungen Camel
pro Tag reinhechle und 2) mir mein gesamtes soziales
Umfeld befahl – in 99% der Fälle selbst mit
Kippe an der Lippe – ich solle es um Gottes Willen
bleiben lassen.
Ich möchte hier nicht all die alten Raucherklischees bedienen,
aber sie treffen zu: Meine Zähne haben inzwischen
die sanfte Orangetönung eines Postbusses angenommen
und jedes Treppensteigen wurde zur Tour de France
mit Verschnaufrauchpausen im Drei-Stufen-Takt.
Als ich in diversen Tagesdruckerzeugnissen las, ab
einem Konsum von 40 Nikotinstängeln bestünde
die reale Gefahr, impotent zu werden, hörte ich dann aber
auch sofort auf – mit dem Zeitungslesen und steigerte mich vor
Schreck auf drei Schachteln täglich.
Und jetzt gehöre ich selbst jener Kaste von Menschen an,
die ich immer am meisten verachtet und verhohnepiepelt habe.
Aber, noch kann ich es nicht zugeben. Wenn man mich zum Beispiel
fragt, erfinde ich kleine psychologische Tricks und antworte
nicht: „Ich habe zu rauchen aufgehört“ – sondern „Ich bin ein
Raucher, der gerade nicht raucht.“ Denn jeder weiß, alle Nichtraucher
sind kleingeistige, grauslich nach Schweiß und Essensresten
stinkende Puritaner, die keinerlei Spaß haben (können).
Oder zumindest ich weiß das. Jetzt.
Mein anderer Fluchtwitz auf angebotene Zigaretten
und fragende Blicke: „Ich rauch jetzt nur noch
nach dem Sex. Wenn ich dann immer noch Krebs
bekomme, hatte ich wenigstens ein erfülltes
Leben.“ Dann lache ich. Ha Ha. Aber wie
bei diesem verdammten Clown, fließen innerlich
die einsamen Tränen der Askese.
Es ist ein Scheißleben!
Mit der Bitte um Bemitleidung,
Seeman
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
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Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
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