DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


„Phönix, in der Asche sich suhlend“. Öl auf Leinwand und ins Feuer 2003

Tja, lieber Seeman, während Du Dich in oral-bronchialer Askese übst, versuche ich mich in der vaginalen Variante, wenngleich weniger freiwillig: Nachdem das wieder mal nichts wurde mit dem phänomenalen Sex, weil sich mein (wir waren sternhagelvoll) Verlobter wie üblich seiner sexuellen Orientierung nicht ganz im klaren war, begannen wir zu reden, obwohl ich ja der Meinung gewesen war, daß das in einer brachial genial funktionierenden Beziehung nicht sein muß. Oder nur schaden kann, denn als der nette junge Mann so im Halbschlaf erwähnt hatte, daß er sein bestes Teil lieber in anderer Leute Körper zu versenken pflege, war das natürlich nicht mehr so toll mit der Beziehung, und deshalb lief ich erstmal Marathon. Wie jede normale Frau nämlich entnehme auch ich allen nur erdenklichen Äußerungen genau eine Aussage: Du bist zu fett. „Meine Mutter hat angerufen“, „Du hättest auch mal wieder abspülen können“ oder „Fröhliche Weihnachten“ – das alles heißt schlicht „Du bist zu fett“.

Nachdem mir der werte Herr also auf subtilste Weise mitgeteilt hatte, daß sich mein Körperumfang gegen unendlich erstrecke („Eleg, ich bin schwul“) und das Wichtigste, Sex, damit ganz und gar unmöglich sei, beschloß ich, meine Masse räumlich tatsächlich gegen unendlich zu bewegen und meldete mich für den Berlin-Marathon. Da ich wie alle Frauen aufgrund notorischer sexueller Frustration nicht einfach weniger essen kann - nach Freud Verschiebung des sexuellen Triebs in den oralen Bereich - muß ich nämlich rennen, damit ich geliebt werde. Alles klar? Marathon ist nun für östrogenomorphe Vollblutfrauen nicht unbedingt geschaffen; das fiel mir erst ein, als ich agil wie ein gebärendes Walroß die Bande zur Startbahn überklettern wollte: „Zuschauer dürfen da nicht rein, junge Frau“. Bis ich den Polizisten erklärt hatte, daß ich meine Startnummer nicht durch Raubmord erstanden und durchaus die Absicht hätte meine Leibesfülle durch die Stadt zu manövrieren, war das Rennen schon halb gelaufen. Dreißig Kilometer später ging es mir so schlecht, daß ich mir nichts Schöneres mehr vorstellen konnte, als mit einem asexuellen impotenten Narzißten zum Heulen schlechten Kreischverkehr zu haben, und nach vierzig wußte ich, daß ich schlichtweg ALLES tun würde, um diese wunderbare erfüllte einzigartige Beziehung zu erhalten, sogar anal mit Einlauf im Getränkemarkt oder abspülen. Der Schuß ging also voll nach hinten los. Na ja, wie soll ich sagen, als ich zu meinem verhinderten Penetrator zurückkehrte, lag er ganz unverhindert in den Armen und zwischen den Beinen multipler anderer, denn schließlich war ich eine Woche weggewesen und er sei ja auch nur ein Mensch, verstehst du Eleg, ich bin ein Mann. Schade, daß er das so lange verborgen hatte - was ein Jahr lang dank staatlich geschulter Pädagogik soeben geklappt hatte, Sex, wurde also in einer Woche nachgeholt. Glückwunsch, mein Lieber, es geht doch!

Tja, was mich angeht, macht euch keine Gedanken. Ich habe beschlossen, mich auf 78-Kilometer-Läufe in den Alpen zu spezialisieren, meine Socken zu bügeln, Miete zu zahlen, nett zu meinem Mitbewohner zu sein und nicht mehr in die Dusche zu pinkeln, meiner Bank keine Drohbriefe mehr zu schreiben, einen Bausparvertrag abzuschließen, den Fernseher anzumelden, Göbel in Zukunft mit „d“ zu schreiben und ansonsten die Klappe zu halten, beim Scheißen Kant zu lesen, Medizin zu studieren und nie mehr Sex zu haben. Zumindest nicht heute.

Bereit, genug und immer noch unwürdig
Eleg





DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

SeemanSalztod
[77 79 81 83
85 87 89
91 93 95 97
98 102 104]

Eleg
[101 103]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
21 23 25 27 28
30 32 34 36 38
40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





Das Forum
gib deine Meinung zur Kolumne
oder sonst was

da... hinein