DIE DONNERSTAGSKOLUMNE

Geliebteste aller Lauras,

tief in meine Aorta gebohrt hat sich Dein letztes Schreiben an mich. Wie kann es sein, dass ein so grundschlechter Mensch soviel herzliche Gefühle empfangen darf ? Ich weiss es nicht. Es ist mir ein Rätsel und bei meinem nächsten Solariumbesuch werde ich den Intensitätsregler auf Stufe "ständige Schamesröte" drehen um meine Angetanheit dauerhaft der ganzen Erdenbevölkerung kund zu tun.

Es gibt nicht viel, dass mir so viel Freude bereitet wie ein wohlgesonnener Text von Dir.... ausser vielleicht ein friedlicher Samstag.... hmmmm... ja das ist es... ein friedlicher Samstag im "Grüze":

Es ist Samstag. Samstag ist der Tag vor Sonntag und Sonntag ist der Tag an dem die Läden und Geschäfte gschlossen bleiben und die Menschen ruhen und sich hintersinnen. Das heisst um dem Einkauf erneut zu fröhnen muss der Sonntag in unfreiwilliger Shoppingabstinenz überstanden werden und dazu wurde eben der Samstag erfunden, an dem dann das folgetäglich ausfallende Geldausgeben kummuliert vorgeholt werden darf.

Da wo ich wohne wurde dem Samstag zu ehren ein meta-architektonisches Denk- und Mahnmal errichtet. Auf einer Fläche von gut fünf Quadratkilometern erstreckt sich der begehbare Aluminiumkomplex gesäumt von Parkfeldern, einer Waschstrasse, einer zehnsäuligen Tankstelle mit Minishop, Reifendruck- und Lenkgeometrieprüfstand, einem wunderbaren Kinderspielplatz mit grossmaschigem Auffangnetz (leider nicht grossmaschig genug) und einer videoüberwachten Abfallentsorgungsstelle (wen ausser menstruierende Besucher der Behälter für die "leeren Gebinde" erfreuen könnte ist mir noch unklar). Die Locals nennen das Denkmal schlicht "den Grüze". Wer etwas auf sich hält besucht Samstags jeweils "den Grüze". Im Grüze (eigentlich Grüzemarkt) befinden sich in erster Linie ein Coop und ein dazugehöriges Coop-Restaurant. Dazu kommen einige Detailisten wie etwa eine Parfumerie, ein Unterhaltungselektronikgeschäft, welches bevorzugt Werkzeugsets, Regenschirme und Explosionszelte feil hält und eine Apotheke. Sie sehen der Grüze ist also der optimale Ort um sich für die harte Zeit des bevorstehenden Sonntags zu rüsten. Ich durfte mich selbst lange Zeit zu den Herden der kaufwütigen Agglomerationisten zählen, die sich mit ihren rasanten Einkaufswagen gegenseitig die Achilessehnen zerbröseln, für ein Sonderangebot mit der Streitaxt Säuglinge pürieren und in Ihrem Portemonnaie über ein separates Extrafach für die Coop-Supercard verfügen. Neuzeitlich begebe ich mich jedoch nur noch in den Grüze um dort meine Familie zu treffen, das niedere Proletariat bei seinen amüsanten Gepflogenheiten zu beobachten und in arroganter Art und Weise Dicke und sonstige vom Leben bestrafte zu verhöhnen.

Zwischen 14:00 und 15:00 treffen wir uns jeweils an einem der reichlich vorhandenen schmucken Tischchen in der Raucherzone des Restaurants und erfreuen uns ab uns selbst und ob all der kranken Gesellen, die sich da auf den mit rotem Lederimitat überzogenen Bänken und Stühlen tummeln. Um diese Zeit wehen einem aus der Küche betörende Chlordämpfe um die Nüstern und das Bisschen Samstag-Morgen-Appetit , welches dem meist noch angesäuerten Magen innewohnt wird vollends erstickt. Aber was solls; so ein paar schrumplige Wienerli oder eine dreifach mikrowellierte Bratwurst wird da wohl noch reinpassen. Ganz witzig im Coop-Restaurant des Grüze sind die harten Richtlinien was die optische Ausschmückung eines jeden einzelnen der liebevoll zubereiteten Menues betrifft. Ein Peterlibüschel und ein Hors-Sol-Tomatenschnitz muss schon sein, das Auge isst ja schliesslich mit. An der Kasse versperrt einem meist eine Rentnerin, im Geldsäckel nach dem noch fehlenden "Füfzgi" forschend, den Weg und am selbstverständlich durch geschickte Plazierung von Textilien vorreservierten Tisch angekommen ist der dekorierte Tages-, Wochen- oder Jahreshit dann bereits erkaltet und in erwartungsvoller Stimmung erneut einer Mikrowelle einen Besuch abzustatten. Sitzt man dann so in gemütlicher Runde am Tisch und bespricht Ereignisse der Woche von familiärer Tragweite kann man von Glück reden, dass man den Spaziergang von der Kasse zurück zum Tisch überstanden hat, ohne von einem Geschirrabräumwagen mit meist Sri-Lankanischen Aussenboardmotor erfasst worden zu sein.

So gegen 16:50 Uhr, ist dann freies Shopping im Verband angesagt. Also Zeit für mich Abschied zu nehmen und einen weiteren Samstag im Grüze zu beklagen, den man besser mit Computerspielen oder Staubsaugen zugebracht hätte. Irgendwie würde mir der Grüze fehlen gäbe es ihn nicht.

Schönes Wochenende Laura



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