DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Die Notwendigkeit der Scheiße und Frohe Weihnachten
Ui … das liest sich aber cool, so gemixt und geschüttelt – und
jetzt bin ich gerührt, Hö Hö! Für alle die`s interessiert:
Frau Sabe-Subir zitieren aus meinen stümperhaften Versuchen,
dichtend der Menschen eisig` Herz zu erhellen. Und wenn
man im Forum schon hemmungsloses Geflirte anprangert
(jetzt erst recht): Für das Sexualleben einer witzigen,
geistreichen, insgesamt höchst erstaunlichen und
(wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß)
überaus attraktiven Frau wie Dir, werte Eleg, wäre ich
zweifellos eine fatale Neuerwerbung.
Ohne den Leser hier durch einen existenzialphilosophischen
Sermon, den ich mir durch minutiöses Studium von chinesischen
Glückskeksen und Taschenkalenderzitaten
zusammengewürfelt habe, unsäglich zu langweilen:
Das lyrische „Ich“ ist ja immer nur die halbe Wahrheit.
Tatsächlich reagiere ich einfach hochemotional auf etwas,
das Milan Kundera, treffender als ich es je könnte, als die
„kategorische Bejahung des Seins hochstilisiert zu einem
ästhetischen Ideal“ bezeichnet. Dafür gibt es
ein deutsches Wort aus dem 19. Jhdt: „Kitsch“. Sei es
in der Musik, in der Literatur, im Leben oder sonst wo,
ich kann Kitsch nicht ab! Ich reagiere, wenn man mir Kitsch
vorsetzt, mit hemmungsloser, kaum bremsbarer Wut und
zwar weil diese „kategorische Bejahung des Seins hochstilisiert
zu einem ästhetischen Ideal“ die Negation der Scheiße impliziert,
und daher ebenfalls nur die halbe Wahrheit sein kann. Ich muss
mich dann hinsetzen und zehn Gedichte (oder eine Kolumne)
verfassen, um die Welt umgehend an die Scheiße zu erinnern
und ihre Existenzberechtigung einzumahnen, was, in diesem
Kontext gesehen, allerdings auch nicht wirklich das Gelbe vom
Ei sein kann.
Also zum Beispiel Weihnachten: Es gibt wohl kaum ein
religiöses Happening, das mehr verkitscht wird/wurde als
das Fest der Liebe. Wenn ich nur an „Ho Ho Ho“
stammelnde Kommunikationswissenschaftsstudenten
mit Wampe und Bart in Kaufhausketten oder die
Starmania-Xmas-Special-Edition denke, eruptieren
augenblicklich aus meinem traumatisierten Inneren
Sätze wie: „Eine Tanne ins Wohnzimmer
zu stellen kann auch nur den verdammten Christen einfallen. Jede
halbwegs anständige Religion nimmt dafür eine Götzenstatue die
nicht nadelt!“ Dann würde ich mich lauthals als den Weihnachtshassern
zugehörig erklären und proklamieren, mich jedes Jahr zum
Vierundzwanzigsten mit einer Flasche Whisky einzubunkern und dieses
ganze Brimborium zu verweigern, was ich aber dann doch
wieder nicht aushalten könnte und damit die feiertägliche
Selbstmordrate erneut gen Rekordmarke mitansteigen ließe.
Nur stimmt das eben alles nicht. Wie jedes Jahr,
wenn sich Schnee auf die elterliche Schrebergartenparzelle
senkt werde ich heimkehren, Lachsfilet essen,
Sekt süffeln (allerdings keinen Schlumberger),
mit kindlichem Staunen die lamettabehängte Tanne
anglotzen, Geschenke erhalten, Geschenke überreichen
und mich pünktlich zu den ersten Klängen der
Wiener Sängerknaben vom Acker machen, um mir
irgendwo mit einer Handvoll ausgesuchter Menschenwesen
die volle Dröhnung zu geben, als Manifestation
des letzten Ressentiments gegen den Kitsch.
Und das große Geheimnis ist:
Bei all dem werde ich mich gut fühlen. Und das
wünsche ich euch auch.
Frohe Weihnachten bademeister.ch
Frohes Fest ganz besonders Dir,
liebe Eleg!
Seeman
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