DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
„... und dich liebhaben/ so wie du wirklich bist“ (Erich Fried: Dich)
Himmel, Seeman, du stirbst an Prostatakrebs? Ich dachte eher an ein pulmonales Plattenepithelkarzinom. Aber es gibt ja Schlimmeres! Ja, viel Schlimmeres noch als finale Karzinome, Bauernbubenjunggesellenabende, Heiraten, „Liebe“, ja, vielleicht sogar Schlimmeres als George und Edmund, auch wenn ich wegen Letzterem heute meinen Job verloren habe: Ein Besuch zuhause. The same procedure as every year...
„Kind, jetzt iss. Siehst ja nach nix aus. Kein Wunder, dass nichts aus dir wird.“
Zuhause, endlich zuhause! Wo sonst auf dieser Welt fühlt man sich so bedingungslos angenommen, so geliebt und gelassen, wo sonst darf man noch man selbst sein, ohne sich unablässig für das bisschen Existenz entschuldigen zu müssen; wo vor allem, wo! kann man noch so ehrlich sein? „Das Essen ist zum Kotzen.“ -„Kind! Wie redest du denn wieder, jetzt reiß dich halt einmal zusammen! Mit den Patienten kannst du doch auch nicht so reden.“ Die setzen mir auch nicht so einen Fraß vor. Die Frau, die „das Kind“ durch Zufall auf die Welt gepresst hat, vergisst von Jahr zu Jahr, dass sie dies vor bald drei Jahrzehnten getan hat und das Kind seitdem nichts Tierisches zu sich nimmt bis auf Sperma, das ist wichtig wegen der Proteine. „Du kriegst doch keine Proteine, da kriegst du ja nie einen Busen.“ Trautes Heim, Glück allein! „Und einen Mann erst recht nicht.“
Und wo wird noch voll Sorge ein ganzes Weltbild zurechtgerückt? „Den Viechern macht das Schlachten doch nichts aus, die sterben ja so auch, bloß nicht so schnell.“ Ach, Mama.
„Oh, war wieder Post für dich da, nichts Wichtiges, bloß vom Mehmet irgendwas, aber das ist ja eh schon so lang her.“ Mehmet ist der Mann, den ich unsterblich geliebt habe, Jahre habe ich gewartet, sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. „Nein, das Altpapier ist längst abgeholt, der war doch eh nichts für dich.“ Wie gut, keine Entscheidung selber treffen zu müssen. „Dem sein Vater war auch so komisch.“
Aber was wollte ich eigentlich erzählen? Ach richtig.
„Mama?“ – „Jetzt red nicht, iss.“ – „Ich bin...“ – „Es wird doch kalt, Kind.“ – „...ich bin...“ – „Jetzt stell dich nicht so an. Deine Schwester stellt sich auch nicht so an. Ihr seid immer meine Kinder, und wenn ihr fünfzig seid.“ Sie drohte wieder mit dem Äußersten. „Mama?“ – „Herrgott, was ist denn!“ – „Ich bin schwanger.“ – „DU? DU?“ Sie war außer sich. Wie man denn in meinem Alter schon schwanger sein könne, das seien die anderen ja auch nicht, so würde ja nie was aus mir und ob ich denn den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hätte und dass ich ja schon als Kind nie mein Zimmer aufgeräumt hätte. „Wir wollten es.“ Ich hätte ihn ihr vielleicht vorstellen sollen. Wir hatten zusammen eine Art Wohnung, der Knirps würde ein Dach über dem Kopf und jede Menge Zeit für sich haben, alles bestens. „Und das, wo du so gut in der Schule warst!“ Die Tür fiel krachend zu.
Ach, zuhause. Tief einatmen. Ganz tief. Bauchdecke entspannen. Ausatmen. Einatmen. Und dann brüllen. Sich auf den Boden werfen, mit den Beinen strampeln, um sich schlagen, schreien, beißen, einen roten Kopf bekommen, an die Brust genommen werden, beruhigt werden, getröstet werden, gesagt bekommen, wie sehr man geliebt wird. Trotz allem.
Es geht einfach nichts über zuhause. Und Fried natürlich.
Eleg
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Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
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