DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Die Familie als Keimzelle der Neurose

Hach ja! Mit diesem leidigen Thema hat sich ja Jonathan Franzen den National Book Award gesichert. Vor meinem geistigen Auge verschmolzen über die Jahre dergleichen Zusammenkünfte familiärer Natur zu einem einzigen großen Festival der Skurrilitäten, zu einer Schmierenkomödie, bei der man sich in den Pausen entweder übergeben, oder ein wenig heulen muss:

Die Sonne macht sich für ihr Rendezvous mit den USA abendfein, die Tür fliegt auf, jemand brüllt: „Junge! Bist du`s wirklich?“ und ich muss jedes Mal zugeben: Ich hab irgendwie das Gefühl. Mein Alter begrüßt mich mit einem: „Wär das verdammte Präservativ doch bloß nicht gerissen“ während in seinen Augen ein knappes „Hallo“ zu lesen steht, oder umgekehrt; Stiefmutter 4c sieht aus als hätte sie mit einer Horde besoffener Skinheads die Einwanderungspolitik diskutiert ohne dabei einen nennenswerten Konsens zu erzielen, weil sie ihre wechseljahrbedingte Flucht in die plastische Chirurgie mit einer Gesichtsfeldverengung („Retinitis Pigmentosa“) zu rechtfertigen versucht, als würde das ein Mensch glauben. Opi hat die ultimative Lösung für die Nahrungsmittelknappheit in der dritten Welt, indem er durch ein geniales Rücklaufsystem für jeden Löffel Suppe drei wieder in den Teller sabbert.

Überhaupt: Opi! Der ist ein echtes Original. Opi wohnt im Parterre und wenn er der Familie etwas überlebensnotwendiges mitzuteilen hat, etwa, wie das so war, damals im Krieg, oder mit welcher der Golden Girls er für eine Million Schilling möglicherweise noch eine Nummer schieben würde (ich überzeichne, aber die Richtung ist klar) dann fängt er schon am Fuße der Treppe zu monologisieren an und wenn er den Esstisch erreicht, ist er bereits in ein leidenschaftliches Schlussplädoyer verstrickt und bekommt jedes Mal einen Tobsuchtsanfall, wenn die Restfamilie nicht überreißt, um was es geht.

Unvergessen bleibt mir auch jener Moment, als ich eines Tages, so mit 14, 15 in meinem Zimmer lag und Gedichte von Dylan Thomas ins Deutsche übersetzte oder die „Nackerten“ aus der Bravo ausschnitt, oder was man halt so macht, mit 14, 15, und plötzlich Opi die Tür eintrat um - den blanken Wahnsinn im Gesicht - mit einem alten Putzlappen und einer Flasche Bier auf mich zuzustürmen. Mein erster Gedanke war; jetzt wär`s aus und vorbei, instinktive familiäre Konditionierungen jener Art, die Nagetiere dazu bringen, ihre überschüssigen Nachkommen aufzufressen hätten ihn übermannt und er wolle mich erst mit dem Lappen ersticken und sich dann zur Feier des Tages ein kühles Blondes genehmigen. Aber mitnichten, er stürmte wortlos an mir vorbei und begann, sämtliche Topfpflanzen, mit denen Stiefmutter 2a in der irrigen Absicht, eine „lernfreudige“ Atmosphäre zu schaffen mein Zimmer in tropische Gefielde verwandelt hatte, mit Bier einzureiben. Meine Einwände wurden dahingehend durch Gebrüll übertönt, dies sei dem botanischen Wachstum förderlich. Ich vermute ja, damals wurde der Grundstein für meinen kurz darauf heftig einsetzenden Jugendalkoholismus gelegt, denn der infernalische Gestank war noch nach drei Tagen bei offenem Fenster überdeutlich präsent.

Ein Trost ist mir immerhin noch meine Schwester, die doch irgendwie auch meine Gene hat aber, da sie a) eigentlich nur meine Halbschwester ist und b) irgendwie intelligenter als ich, das dergestalt tarnen kann, dass sie in einem Alter, in dem ich mir am Mittagstisch satanische Symbole mit einer selbstgebastelten Tätowiermaschine auf den Oberarm tackerte und bei jedem Wort meines Alten wie durch den Pawlowschen Reflex „FASCHIST!“ brüllen musste, Vorzugsschülerin ist, beim Roten Kreuz als freiwillige Mitarbeiterin diverse Körperflüssigkeiten aufwischt und generell einen auf lieb macht. Dass sie trotzdem mit mir verwandt ist, beweist sie regelmäßig dadurch, dass irgendwann um 4 Uhr morgens mein Telefon geht und ich sie dann – meist selber breit wie tausend Dichter nach der Erstveröffentlichung - von diversen Almhütten mit dem Auto heimfahren muss, weil sie sich bis zum Verlust der Muttersprache besoffen hat.

Tjahaa, so ist das. „Daheim ist daheim, das gibt`s nur einmal auf der Welt“, wie es in diesem Schlager heißt. Dennoch kehre ich regelmäßig wieder. Im besten Fall kapiert man nämlich irgendwann nach der Pubertät, dass einen zwar nicht, wie bisher angenommen, die ganze Welt hasst, aber der Großteil der Menschheit einem doch mit relativer Gleichgültigkeit gegenübersteht. Und deshalb sollte man sich jene Handvoll Individuen, die genetisch und von Gesetz wegen verpflichtet sind, doch fallweise irgendwie Sympathie, Kohle und Obdach rüberwachsen zu lassen, unbedingt warm halten!

In dubio pro re, liebe Eleg,

Dein Seeman





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Eleg
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Horazio
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Horazio
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Laura
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Madame Kiwi
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