DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Nachrichten aus dem Kellerloch
Wenn Sie das lesen, werden diese Zeilen, wie Kafkas
Kaiserliche Botschaft, vom Verfasser bis zum – hoffentlich –
sehnsüchtig harrenden Empfänger einen weiten Weg
hinter sich gebracht haben. Zumindest einen weiteren,
als normalerweise. Ohne funktionierende Internetverbindung
und Telefon friste ich einsam und von der globalisierten Welt
abgeschnitten mein kärgliches Dasein und habe
jede Menge Zeit, in dumpfer Introspektion zu versumpfen. Nicht dass
es hier auf meiner kleinen Insel der Isolation keine Menschen gäbe –
Wie bei Robinson Crusoe spazieren zuweilen völlig unvermutet
welche vorbei. Aber wenn ich denen „Freitag“ zurufe,
entgegnen sie so Dinge wie: „ … da ist echt die Hölle los, da spielt
diese Band, früher haben sie nur Grunge gebracht aber jetzt
sind sie auf elektronischen Industrial-Gitarrenpop umgestiegen!“
Als hätte die Menschheit nicht schon genug gelitten.
Message, Message, wo bleibt die Message, ist die dräuende
Frage und ich kann mich nicht mal in die Forumsdiskussion
einbringen, obwohl ich das doch so gern täte. Fr. Pilar Ramirez
wirft mir vor, was mich an der (Beat)Literatur begeistert, würfe ich
dem Wiener Aktionismus vor und daran ist vermutlich mehr wahr,
als ich außerhalb eines Diskussionsrahmen mit prompter Replikmöglichkeit
zugeben kann oder will. Fr. Sabe-Subir sagt L`art pour l`art und knallt
mir Handke an die Birne. Als hätte ich nicht schon genug gelitten.
Alles richtig, alles falsch! Als Konsument von Kunst beurteile
ich dieselbe nach zwei Kriterien:
a) Was will der Typ?
b) Was kann der Typ?
(Wobei im Schatten des letztwöchigen Tages der Frau
die Bezeichnung „Typ“ natürlich geschlechtsneutral
aufzufassen ist, einzig verwendet z`wegen der rhetorisch
wirksamen Lässigkeit des Sprachflusses.)
Da kann und vor allem will ich nicht über meinen
Schatten springen. Ich muss mich also fragen: Was woll(t)en
Nitsch, Schwarzkogler, Brus und der ganze Haufen? Antwort:
Radikal mit allen bisher gültigen Maßstäben der Kunst brechen
und mit gezieltem Tabubruch beim Konsument durch ein
schockartiges Trauma gewisse urtümliche Gefühle aktivieren, um ihn dadurch
vom
Korsett herkömmlicher Wertvorstellungen, moralischer Maßstäbe … etc.
befreien zu können. Bringen wir die Botschaft also auf den kleinsten Nenner:
Emanzipation von Autoritäten. Mit einem Wort: Freiheit. Ein durchaus
leiwaundes Ziel. Eine hehre Mission, voll nach meinem Geschmack.
Aber können sie das auch? Nö! Irgendwie nicht so wirklich. Sie wirken so
bemüht und angestrengt und lächerlich auf mich. Sie sind wie Kinder, die sich
Schuhcremebärte
aufmalen und Cowboy spielen. Wenn ich mal groß bin, werde ich das ganze
Land erschüttern, ganz bestimmt! Denn ich werde mich in meiner Scheisse
wälzen, öffentlich onanieren, Frauenkörper versumpfen und hinniche
Wiederkäuer auf jungfräulich weißen Bettlaken ausweiden lassen. Man reiche
mir fünf Mäderln, ich führe sie in die freie Sexualität ein, solang sie nur
knackig sind, die bladen
Wuchteln können sich selber einführen was und in was sie wollen.
Ah, ich höre sie schon brüllen, die Verfechter von Gryphius, Faschismus
und „Tod in Venedig“ – Der Bub weiß ja nicht was er da redet! Es
mangelt ihm zum Verständnis an historischer Distanz! So etwas hat es vorher
nie gegeben! Falsch, falsch, grundfalsch! Lernen`s Geschichte,
Herr Verfechter! Sieben Jahre bevor Brus in seinen Fäkalien
onanierte während er die Bundeshymne
sang, bestieg ein einzelner Mann die Bühne und erschütterte mein
Land in seinen Grundfesten, wie es die gesamte Aktionismus-Partie
in ihren feuchtesten Träumen nicht gepackt hat. Dieser Mann war
Helmut Qualtinger und er brauchte dazu weder Blut noch
Kotze noch Sperma noch (das Schlimmste) die Bundeshymne,
sondern nur seine Stimme. Er brauchte nur eine Type darstellen und damit
ins Schwarze, ins Schwärzliche, ins gräuliche und grauslich
Angefaulte treffen, wie Friedrich Torberg so treffend schrieb.
Den Herrn Karl - Einen schleimheiligen Opportunisten, einen heuchelnden
Verlierer, der nur deshalb noch lebt, weil er sein Fähnchen immer nach dem
Wind gerichtet hat. Erst bei den Sozialisten, dann bei der Heimwehr,
über die Russen zu den Amerikanern war er überall dabei. Ein katzbuckelnder
Kriecher ohne Charakter. Und warum hatte das diesen ungeheuren Sturm an
Empörung,
Morddrohungen, Skandale und sogar dringliche Anfragen im Parlament
zur Folge? Dieses simpelst inszenierte Kabarettprogramm, in dem ein
einfacher
Lagerangestellter einem gesichtlosen Zuhörer von seiner Vergangenheit
rund um die Kriegszeit erzählt? Natürlich weil das ganze Land aus den Herren
Karl besteht! Jeder hat den Herrn Karl in sich! Das macht Qualtinger zum
Jahrhundertkünstler und die Botschaft des Herrn Karl so schrecklich,
weil sie wahr ist: Der einfache Mensch kann sich Heldentum zuallermeist
nicht leisten. Er will nur (über)leben und hin und wieder„a Hetz haben“,
um nicht vollends den Verstand zu verlieren!
Qualtinger hat das geschafft, was man von der Kunst, oder sagen wir,
dieser Art Kunst, verlangen muss: Das Detail zu
durchleuchten um damit das Gesamte zu entblößen.
Dagegen kackt der Wiener Aktionismus ganz erbärmlich ab.
Mann, ist das eine lange Kolumne.
Tut mir leid, durchlauchtigster Bademeister,
kommt nicht wieder vor!
Seeman
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120]
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Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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