DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Requiem

Liebe Bademeisterfreunde, gönnt mir Euer offenes Ohr, nehmt mich in den Arm, lasst mich in Eure Ärmel rotzen und tröstet mich: ich habe ihn verlassen! Ihn, meinen immobilen, parasitär festgesaugten Mitbewohner, der gleich einer Epiphyte immer da war, wo ich auch war. Kaum war ich mal weggezogen, stand er vor meiner Tür, immer im gleichen Pulli mit so vielen kleinen Flunsen dran, schaute ernsthaft drein und sagte diese Faschisten, ihn wolle wieder keiner behalten. Und sah so aus wie ein großer, fransiger, stinkender Hund und roch auch so.

Oh, und dann war er einfach wieder da und maulte wegen allem rum und verteilte seine Joghurtbecher in der ganzen Wohnung und hörte ganz laut seinen McCartney und vergaß runterzuspülen. Man musste ihn einfach mögen, auch wenn er nichts mehr hasste als das. Er sagte dann: "Lass das, ich bin nicht dein kleiner Bruder!" wie das nur kleine Brüder sagen. Ich verkuppelte ihn mit meiner besten Freundin, nachdem ich ihn selbstverständlich in allen Gebieten, auch den privatesten, getestet hatte, und kaufte ihm zu Weihnachten Unterhosen mit Tim und Struppi drauf. Er riss über mich Witze und lachte zwei Tage am Stück, er reparierte meine Computer und kaufte Berge von Schokolade mit Soja drin, obwohl er die nicht mag, machte sich über mein Essen lustig, das jeder Zivilisation spotten würde, erklärte mir warum Foucault Scheisse ist und weinte als Horazio Rawls starb. Er schüttelte über alles, was ich tat, den Kopf, lachte über unsere Mausefallenarmada, die ich nur gekauft hatte, damit sie kein andrer kauft und sagte, wenn ich auf die Idee käme, mein Klavier anzuschleppen, würde er an den Saiten die Wäsche aufhängen (ich hatte nicht gewusst, dass er Wäsche besitzt). Man wird sich fragen, wie man einen wie ihn jemals verlassen kann.

Als chronisch beleidigter Ex, der auf seine Rechte als Besitzer seiner Ehemaligen auch noch Jahrzehnte später pocht, verlor er all seine anarchischen Qualitäten. Der grüne Ultralinksliberale wurde zum schürzentragenden Unionsterroristen, wenn mein bevorzugter Sexualpartner auf der Matte stand: "Zieh deine Schuhe aus, um Himmels willen, damit kann man laufen? Deine Frisur, steht die unter Denkmalschutz? Esst ihr zuhause immer so?" Den Satz "fühl dich wie daheim" konnte ich mir sparen. "Hast du ,Die Archäologie des Wissens` gelesen?", das war immer die letzte Falle: Bei "Nein" erntete der Geprüfte ein verachtendes, schweigend genießendes Politologenlächeln, bei "Ja" wurde er als postmodernes asoziales Arschloch bezeichnet und unter Bombardierung mit diversen Küchenutensilien, also meinen, aus dem Revier gejagt. Mein Freund sagte, er würde lieber mit seiner Mutter schlafen als auch nur ein einziges weiteres Mal unter diesem Dach. Der Gedanke war ein bisschen eklig.

Jetzt habe ich ein neues Dach und zum ersten Mal eine Küche, die nicht auffällig gesundheitsschädlich ist, mit drei eingebauten Technikern - alles Leute, die typischerweise zuhause wohnen bis sie dreißig sind und sich dann in Gruppen zusammenrotten, um gemeinsam abends die Wäsche zu bügeln wie Mama das immer tat und dabei Choräle zu singen. Sie achten darauf, dass ihre Kleidung nie zusammenpasst und ihre Hosen immer fünf Zentimeter zu kurz sind. Konservative CSU-Wähler haben aber zwei Vorteile gegenüber grünen Linksliberalen: Sie räumen auf und riechen gut. Und sie haben garantiert immer ein Taschentuch, das sie dir leihen und sagen: Bügeln kann ich es auch selber. Sie sagen aber auch oft Dinge wie Ich hab Salat gekauft oder Guten Morgen.

Oh, trauert mit mir!
Ich werde Deiner gedenken, Seeman, wenn ich in meinem Loch sitze und drei Tage lang saufe und die Existenz von Photonen verfluche. Ben, verdammt, es tut mir leid!

Im Loch
Eleg





DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

SeemanSalztod
[77 79 81 83
85 87 89
91 93 95 97
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110 112 114 116 118 120 122]

Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
21 23 25 27 28
30 32 34 36 38
40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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