DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Der lange Weg zur Demokratie

Sonntagnachmittag. Unbarmherzig reißen mich die Worte der mir Zugemuteten aus dem Schlummer der nicht hart Arbeitenden und Ungerechten: Ich möge mein verkommenes Selbst den Laken entwinden und hinschreiten, meiner staatsbürgerlichen Pflicht genüge zu tun. Das Wahllokal schlösse um 01500. Träge erhebe ich mein tröges Haupt (oder umgekehrt), welches sich anfühlt wie etwas, das einst Walt Whitman gehört haben mag und sogleich unters Bett kullert. So taumelnd wie zielgenau peile ich den Türstock an und hole mir einen schmerzenden Zinken – und dem auf dem Fuße die Erkenntnis, was es denn zu wählen gäbe: Den neuen Bundespräsidenten nämlich. Bzw. die Bundespräsidentin, war doch unser aller Außenministerin, Benita Fererro-Waldner, als weiblicher Konterpart zum SPÖ-Kandidaten Heinz Fischer von der ÖVP platziert worden.

Die könnte ich jetzt brauchen, denke ich, die würde mir nämlich laut Wahlplakat Türen und Tore öffnen. Und außerdem ist sie auch die Erste, die mit 101 Staatsoberhäuptern in deren Sprache spricht. Toll, denke ich, vielleicht lernt sie auch irgendwann österreichisch. Und sonst? Heinz Fischer findet, Österreich brauche ein Gewissen und Ehrlichkeit solle wieder Einzug in die Politik halten. Ich darf Peter Pilz, den Abgeordneten der Grünen, aus seinem Online-Tagebuch zitieren: „Was will er uns sagen? Wahrscheinlich das: Bisher war in der Politik alles unehrlich.
Aber jetzt kommt Heinz Fischer. Er steigt quer ein und nimmt sich als erstes

die Unehrlichkeit vor. Die hat allen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Heinz Fischer ist nämlich ein Mann von festen Prinzipien. Auf die Falter-Frage, ob er Jörg Haider angeloben würde, antwortet er beinhart, dass er dazu eine klare Meinung habe. Nach dieser gefragt, bestätigt er die Existenz derselben. Auf die weitere Nachfrage verweist er konsequent auf die Archive, in denen sich seine Haltung, die sich nicht geändert habe, fände. Auch die Ehrlichkeit wird dort zu finden sein.“ Zitat Ende.

So trete ich also an zur wahnwitzigen Odyssee durch die entfesselte Natur (zehn Minuten Fußmarsch bei leichtem Nieselregen) um zur wahrnehmenden Bestätigung der Demokratie mit meinem persönlichen Hader beizutragen. Immer noch bin ich unentschlossen: Wen denn jetzt bloß? Das edelstahlhaifischgrinsende Perlenketterl im selbstdesignten Kostümchen mit gordischem Evita-Peron-Mattenknoten, oder den angestaubtgrauen Staatsnotar Dj HeiFi mit Entertainmentfaktor –2 000 000 000? Oder vielleicht wie im Kaisermühlen Blues einfach „Alles Hurenviecher“ auf den Stimmzettel schreiben? Spontan erinnere ich mich an jene Verse aus der Feder des unsterblichen Gernhardt: „Mein Freund, was soll der Unsinn, von wegen neuem Jahr?/Wir nahmen schon das alte nur sehr verschwommen wahr“ und ich denke an die letzten zwölf Jahre Klestil in der Hofburg. Viel fällt mir dazu nicht ein. Irgendwie war er halt da. Für`s Beniterl spricht, dass sie eine Frau ist. Frauen an die Macht! Für Heinz Fischer spricht, dass er nicht Benita Ferrero-Waldner ist. ÖVP oder SPÖ? Ist ganz belanglos, werde ich von allen Seiten aufgeklärt, es handle sich nämlich um eine „Persönlichkeitswahl“. Impliziert das nicht das Vorhandensein von Persönlichkeiten?

Überwältigt ob dieses tobenden Konflikts in meinem zuinnersten Selbst falle ich, der Wahlstatt ansichtig, auf die Knie und schreie mein Elend zum Himmel: „Oh ihr, wer ihr auch immer sein möget da droben! Ich, der ich mich zu einem Leben im Unbedingten berufen fühle und für die kriechenden Knechte der wohltemperierten Bürgerlichkeit höchstens Verachtung übrig habe, werde nun gezwungen, Stellung zu beziehen und das Kreuzerl zu machen. Zu Hülf! Zu Hülf!“

Da schieben sich die Wolken von der Sonne, ein Flugzeut mit Eleg drin gleitet im ruhigen, turbulenzfreien Flug dem Horizont entgegen und zwei mächtige Stimmen ertönen. Die Erste sagt: "Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, aber ich kenne keine bessere". Auf meine Frage nach der Provenienz dieser Sentenz fällt mir eine Packung Winston-Tschik vor die Füße.

Und dann die Zweite: „Wir wissen, wie des is, wenn man wählen muss und sich nur verwählen kann.“ Die erkenne ich, die ist von Alfred Dorfer.

Solchermaßen bestärkt betrete ich die Wahlkabine, schließe die Augen, drehe mich zehnmal im Kreis und mache blind das Kreuzerl.

Und immer noch leicht benommen und immer noch blind gratuliere ich Heinz Fischer zum Wahlsieg.

Jippiii!

Seeman





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Was bisher geschah:

SeemanSalztod
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Eleg
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Mercedes
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Horazio
[59 61 63 65
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Horazio
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30 32 34 36 38
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58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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