DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Von der Schwundwährung zum Kolumnistinnenschwund
In meiner Eigenschaft als Poeta Doctus saß ich gerade
im tirolerischen Wörgl herum, als mich die Depesche des Bademeister-Gremiums
erreichte: Nun ist es offiziell, die liebe Eleg wird künftig für die
Sonntagszeitung kolumnieren und aus Stressgründen keine Zeit mehr für den
den Bademeister haben. Verständlich, bekommt sie doch bei der
Sonntagszeitung Ruhm, Groupies und vor allem Kohle ohne Ende,
wohingegen man sich als Knecht des Bademeisters ja nur mit
Ruhm und Groupies ohne Ende bescheiden muss.
Warum Wörgl, wird man sich fragen und auch ich habe mich
das gefragt. Generell habe ich im Auslaut meiner verschwendeten
Jugend ja allen Provinznestern abgeschworen, weil der dortselbst
üblicherweise praktizierte Lokalkoloritfanatismus mich immer
eher befremdet hat. Aber das trifft natürlich auf alle Provinznester zu
außer auf Wörgl, das ja schon mal überhaupt kein Provinznest ist und
außerdem wirklich wunderschön und fabelhaft und interessant, und das sage
ich nicht nur, weil mich sonst die Eingeborenen mit Mistgabeln pfählen,
sondern auch weil Wörgl der Ort des historischen Wirtschaftswunders von
1932 ist und das auch der Grund, warum ich dort war.
Was viele – zum Beispiel ich – nämlich nicht wussten: 1932 grassierte
in Wörgl aufgrund der Weltwirtschaftskrise eine Deflation, das genaue
Gegenteil der Inflation. Sprich: Die Waren wurden immer billiger, der
Geldwert stieg unaufhaltsam. Die logische Folge: Die Menschen kauften
nur mehr Waren, wenn es sich als unumgänglich erwies und bunkerten
die Moneten ansonsten ein. Schlecht für die Wirtschaft, sehr schlecht
für Sozialeinrichtungen, Infrastruktur und die Arbeitslosenrate. Das ging
solange, bis der sozialdemokratische Bürgermeister Michael Unterguggenberger
eine revolutionäre Idee hatte: Er führte die Schwundwährung ein. So genannte
Arbeitswertscheine, die im Gegenwert von 10, 50, 100,- Schilling ausgegeben
wurdenund monatlich per Stempel bestätigt werden mussten, wobei sie pro
Stempelum 1% des Anfangswertes reduziert wurden. Was geschah also? Die
Menschenmussten das Geld raushauen, denn je länger es rumlag, desto mehr
verlores an Wert. In ganz Österreich stieg die Arbeitslosigkeit um weitere
10% in Wörgl ging sie um über 25% zurück. Faszinierend, nicht?
Auf Basis dieser knallharten investigativjournalistischen Recherche
gedachte ich nämlich, ein Couplet in gewohnt satirischer Schärfe wider dem
schnöden Turbokapitalismus zu verfassen und werde das vielleicht auch noch
machen, na ja, mal sehen. Jedenfalls kehrte ich dann hurtigst heim um in
einer unterirdischen Zusammenkunft der geheimen Bademeister-Loge die
künftige Kolumnistin zu ermitteln.
Ich fuhr also den PC hoch und starrte auf Schlagzeilen von
Folterungen im Irak. Bewegende Bilder, in der Tat: Lynndie England,
die US-Soldatin mit nackten Irakern an der Leine, grinsend mit erhobenem
Daumen neben nackten Irakern, die zum kollektiven Onanieren
gezwungen wurden, wirklich; ein reizendes Mädel. Wie war das noch
mit Frauen an die Front als einfühlsame Vermittlerinnen? Ein „dummer
Jugendstreich“ lese ich im Interview mit den Altvorderen der England.
Yes, ziemlich witzig. Diese jüngeren Generationen, ich verstehe sie
nicht mehr. Bei uns bestand ein Streich damals aus einem Karton
roher Eier und einer Windschutzscheibe, oder einem Böller im
Mistkübel. Da haben sich die Dimensionen irgendwie
Verschoben und ich bin anscheinend nicht mehr am Puls der Zeit.
Unter den Tausenden von Bewerberinnen für`s heilige Amt
der Bademeisterkolumnistin wählten wir in nächtelangen, aufwühlenden, strikt
demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen aufgrund schwer objektiver
Kriterien anhand des Bewerbungsfotos (Bitte vorbeugen) schließlich die
Beste aus: Frau Cynthia B. McKittchnique, von der ich gar nichts
weiß, außer das sie nächsten Donnerstag hier ihren Einstand feiert. Aber
ich lasse mich gerne überraschen und freue mich auf sie.
Bedauerlicherweise bedeutet das nun also den Abschied von Eleg,
die, wie wohl überdeutlich zum Ausdruck gekommen ist, ich
sehr gern habe. Aber da sie ja nicht zurückfällt, sondern nach oben
springt, reduziere ich den Neid auf das mir mögliche Mindestmaß und
gratuliere herzlich, hiermit auch offiziell. Danke für die Kolumnen, ich
hatte viel Spaß und wünsche Dir alles, alles Gute. Du verdienst es und noch
viel mehr! Außerdem werde ich nun wohl die Sonntagszeitung abonnieren
müssen, oder so.Und weil im Forum behauptet wurde, man scheine ihr nicht
nachzutrauern; um das klarzumachen: Ich habe einen Penis. Ich leide wie ein
Tier - heiß, intensiv, zerstörend und vor allem: stumm. Mitunter für
Minuten! Stummsein natürlich, nicht leiden.
Auf Wiedersehen und alles Gute,
liebe Eleg,
Ein gespanntes Willkommen,
Frau McKittchnique
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128]
Eleg [101 103 105 107 109 111 113 115 117 119 121 123 125 127 129 ]
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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