DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Fear and Loathing in Berg im Drautal

Wir waren irgendwo in der Gegend von Berg im Drautal, als die Drogen zu wirken begannen. Plötzlich wandten sich meine wackeren Mitstreiter mit verzerrten Gesichtern ab und rissen die Fenster auf. „Wäääähhh, wer war die Sau?“ Der sanfte Odem meines Enddarms, entfacht durch einen Humpen lauwarmen Szegediner Gulaschs hatte sich noch nicht verzogen, da wurden wir schon des Transparentes gewahr, welches coolst verkündete: „STAGEBATTLE – Support your local Rock Heroes!“ Yes, das konnten ja nur wir sein. Wir luden uns samt Equipment aus dem VW Kombi und platzten inmitten den Sauuuundtschäck, um beim Klugscheißer vorzusprechen.

* * *


Der Klugscheißer ist ein Stereotyp, ohne den jeder Bandcontest undenkbar wäre. Langjährige Musikschaffende wissen, wovon ich schreibe. Der Klugscheißer ist ausnahmslos: Hässlich wie die Nacht finster, groß, fettleibig, hat einen Minderwertigkeitskomplex und eine Profilneurose und fühlt sich von allem bedroht, was weniger hässlich ist als er. Also von allem. Er hat auch ausnahmslos Haare bis zum Arschloch und eine abenteuerliche Bartkonstruktion. Das muss so sein, er macht nämlich auf verkanntes Genie. Er ist zwischen 18 – 30 Jahre alt und wohnt bei seinen Eltern, die Kohle haben und ihm im Keller ein eigenes Tonstudio finanzieren. Er verfügt über eine Gibson Les Paul oder eine PRS um 3500,- Eypos, die er aber nicht spielt, sondern Hauptsache hat. Er ist in der Regel der Mitorganisator und hat eine selbst produzierte CD dabei - mit beidem fällt er einem unablässig auf den Wecker. Er sagt auch Sachen wie: „Als ich neulich mit der Band von [mächtig wichtiger Name] im Studio war, da hab ich …“ und das ist dann, wie den Geschlechtsakt zu erörtern, dem man entstammt: Es mag sich schon zugetragen haben, aber man will es eigentlich nicht wissen. Irgendwann schwängert der Klugscheißer dann endlich die beste Freundin seiner Mutter, dann hat er Familie und „leider keine Zeit mehr für die Musik“. Die Musik dankt.

Auch im erstmaligen Aufeinandertreffen mit den Konkurrenzmusikern können sich Uneingeweihte die furchtbarsten Entgleisungen zu Schulden kommen lassen. Beispielsweise die für Laien arglos anmutend mögende Frage: „Was spielt ihr denn so?“ Darauf erntet man vernichtende Blicke, fassungslose Mienen und präapokalyptisches Schweigen. Denn erstens spielt man nicht nur so und zweitens ist das, was man spielt, derart komplex und unbeschreiblich, dass banalste Mittel der Kommunikation à la Worte jenes einzigartige Klangprisma ohnehin niemals in ein Genre pressen könnten.

Hat man die Einleitungsformalitäten hinter sich, kommt es dann zum offenen Kampf im Mausoleum der Musik seit `74. Auch hier gilt im Grunde: Kennt man einen, kennt man alle.

- Ein ausgemergelter Typ in zerrissenen Hosen und T-Shirt heult zum unorganisierten Eindreschen auf alle übrigen Instrumente unmoduliert seinen Weltschmerz ins Mikrofon bis das Ganze klingt wie der dritte Weltkrieg = Grunge; oder was man heute dafür hält

- Ein ausgemergelter Typ mit Pseudoirokesen (seitlich nicht rasiert; Haare in der Mitte hochgegelt) kreischt mit rollendem R und hochgezogener Oberlippe lyrische Glanzleistungen übers Saufen und Ficken und das Scheißsystem im Allgemeinen über drei Akkorden ins zu niedrig eingestellte Mikrofon = Punk; oder was man heute dafür hält

- Ein ausgemergelter Typ mit weiß geschminkter Hackfresse in schwarzem Leder bewehklagt gefallene Engel, Selbstmordabsichten (immer diese Versprechungen) und ewigliche Dunkelheit über eingängigen Melodien = Möglicherweise-frisst-Marilyn-Manson-kleine-Kinder-aber-ich-
fress-sie-sogar-noch-wenn-sie-wieder-aus-ihm-rauskommen-Gothic

- Ein Typ und eine Frau in Jeans und Pullunder sprechgesangen über Gitarrengefummel zu elektronischem Schlagzeug Dinge wie: „Man kann nicht alles denken was man fühlen kann/ 1,2,3 … Freiheit!“ = Studentengeschrammel

- Ein korpulenter Mittdreißiger jault etwas ins Mikrofon, das sich verdächtig nach einem Autounfall südlich der Gürtellinie anhört, der Gitarrist hat sich in eine Lederhose einschweißen lassen und nudelt aus dem Stehgreif Paganinis 5e Caprice in ein E-phrygisches Arpeggiogewitter über, der Bassist gebärdet sich wie die Niederkunft der Reinkarnation von Jaco Pastorius während die barbusigen Backgroundtänzerinnen mit brennenden Kegeln jonglieren = Wenn-ich-bis-36-keinen-Plattenvertrag-hab-geb-ich-mir-die-Kugel-Rock

- Ein Typ in Unterhemd und Baggys, mit Stirnband und Kinnbart sagt über gesampelten Beats Dinge wie: „Props gehen raus an meinen Producer, den Beatmaster Mc Deathmute Dj Bernhard – The Beeeze - Hubmannsdorfer und meine Homies von der Sad Crew Seekirchen…“ = Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich noch, er versuche WC-Duftsteine an den Mann zu bringen. Heute weiß ich, hierbei handelt es sich um „Hip Hop“.

* * *


Wir waren irgendwo auf dem Heimweg, als es unser Bassist auf den Punkt brachte: „Alter, das war total unfair. Mit Fackeln und Tänzerinnen und so hätten wir auch gewonnen. Wir sind eben mehr eine Partyband.“ Und obwohl er Recht hatte, störte es mich, das zu hören. Na ja. Es wird weitere Contests geben, möglicherweise sogar endlich einmal den renommiertesten von allen, den ABC (Austrian Band Contest). „10.000,- Eypos in Form einer Videoproduktion für die Siegerband und weitere Sachpreise!!!“ Na aber Hallo. Bis dahin halten wir uns weiter ans Erfolgsrezept: (1) Tabulaturen von Jaco Pastorius, (2) Studentenpartys, (3) perfektes Understatement und (4) rohe Kalbslebern, um unseren Frust abzuarbeiten.

Samen,

Seeman





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Was bisher geschah:

SeemanSalztod
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Cynthia B. McKittchnique
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Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121 123 125
127 129
]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
21 23 25 27 28
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40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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