DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Wo ist das Benzin für die Kettensäge?
Werte Frau McKittchnique!
Aufgrund Ihrer kolumnalen Ausführungen sehe ich mich gezwungen,
meine voreilige Forumsäußerung zu revidieren: Sie sind mitnichten
das Material Girl - Sie sind vielmehr die Mata Hari des Geschlechtsverkehrs.
Was nicht das Schlechteste sein muss, es aber häufig ist, wenn dergleichen
einen persönlich betrifft. Aber, auch wenn ich schon eines bin,
nämlich Narziss in meinem Elend, würde ich doch nie so weit gehen, hier
mit Details zu langweilen, vor allem auch, weil ja immer nur die subjektive
Wahrnehmung derlei ungustiöse Situation so ganz besonders furchtbar
und einzigartig macht. Aber im Grunde bleibt nach dem exemplarischen
Wir-müssen-miteinander-reden-ich-glaube-du-hasst-meine-Katze doch immer
derselbe gefühlsmäßige Aggregatzustand: Einsamkeit. Zwar nicht die
Einsamkeit nach Feierabend, wie in diesem Gedicht von Bukowski, aber
eben die Einsamkeit nach der Zweisamkeit und die Pointe unterscheidet
sich da nicht groß: Man liegt im Bett, wackelt mit dem großen Zeh und
sieht ihm zu.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, diesen Phantomschmerz zu
bekämpfen: Amerikanische Sitcomdarsteller zum Beispiel schlingen
dann kübelweise Schokoladeneis in sich rein und lassen sich von Freunden die
Füße
massieren. Aufgrund meiner schon mal in Kolumnenform erörterten
Autosuggestionstechniken habe ich aber nun leider eine Idiosynkrasie
gegen jedwede glibbernde bräunliche Masse entwickelt, die pflatscht,
wenn man sich draufsetzt, und meine verhornten Schweißzehen würde
nicht mal der Teufel für den Gegenwert meiner verhornten Schweißseele
betatschen wollen. Wieder andere halten sich an Dr. Jack Daniels und
jaulen zu Chet Baker „My funny Valentine“ in den Flaschenhals. Das ist
allerdings
auch kein adäquates Beziehungsantiseptikum für mich, eher der Grund,
dass ich ein solches überhaupt benötige.
Nein, ich habe – Ha! – vergangenes Wochenende das ultimative Gegenmittel
für den heterosexuellen Durchschnittsmann westlicher
Industriestaatenprovenienz
gegen die Einsamkeit nach der Zweisamkeit entdeckt. Und zwar ging mir
das auf, als mein alter Freund Berndo auf mein Klingeln hin die Türe
aufriss, gewandet in ein Rüschenhemd und Gummistiefel nebst breitkrempigem
Hut, Augenklappe und aufgeschminktem Schnauzbart. In der Hand hielt er
einen Plastiksäbel, mit dem er mir vor dem Gesicht herumfuchtelte. Kurzum,
da gibt es nichts zu beschönigen: Mein alter Freund Berndo – immerhin ein
momentan über seiner Dissertation schwitzender Student der
Wirtschaftswissenschaften
und Vater einer dreijährigen Tochter – war als Pirat verkleidet. Ich sah ihn
an
und schrie: „Du bist so hässlich wie ein Affe im Negligè!“ woraufhin er
brüllend replizierte: „Hoffentlich zerrst du mich nicht ins Separèe!“
Insider
riechen den Braten schon. Ich betrat die Wohnung, wo ich ebenfalls umgehend
mit Augenklappe, Hut und Säbel versorgt wurde und weitere alte Freunde
um den PC geschart vorfand. Sogar ein Transparent hatten sie gemalt:
„Monkey Island Session 2004“. Mein Gott, war das großartig! Ich hatte
vergessen,
wie genial diese LucasArts Games sind. Wie ich nächtelang meiner Sucht
gefrönt habe, das Flimmern des Monitors in den Pupillen, die Hände so mit
der Tastatur beschäftigt, dass ich nicht mal mehr meine Pickel kratzen
konnte.
Guybrush Threepwood! Käpt'n Röchelieu! The Curse of Monkey Island! Die
Beleidigungsduelle!!! Wie konnte ich die nur vergessen?
Hier sind, exklusiv, meine ewigen Top Six:
Käpt`n Röchelieu: „Ganze Inselreiche haben vor mir kapituliert“
Guybrush: „Das war ja auch leicht, dein Atem hat sie paralysiert!“
Käpt`n Röchelieu: „Warst du schon immer so hässlich, oder bist du mutiert?“
Guybrush: „Da hat sich wohl dein Spiegelbild in meinem Säbel reflektiert!“
Käpt`n Röchelieu: „Ich werde dich richten - und es gibt kein Plädoyer!“
Guybrush: „Das ich nicht lache! Du und welche Armee?“
Käpt`n Röchelieu: „Durch meine Fechtkunst bin ich zum Sieger prädestiniert!“
Guybrush: Zu schade, dass das hier niemanden tangiert!
Käpt`n Röchelieu: „Himmel bewahre! Für einen Hintern wär' dein Gesicht eine
Beleidigung!
Guybrush: „In Formaldehyd aufbewahrt trügst du bei zu meiner Erheiterung!“
Käpt`n Röchelieu: „Fühl ich den Stahl in der Hand, bin ich in meinem
Metier!“
Guybrush: „Ich glaub', es gibt für dich noch eine Stelle beim Varieté!“
Ja, ich war vom Glauben abgefallen, aber jetzt bin ich Back in Business,
süchtiger und fanatischer as ever! Waren das noch Zeiten, als der coolste
aller
Typen der war, der sich zu seinem Amiga 500 eine externe Festplatte leisten
konnte (damals; vorm Krieg), als man vollbusige Frauen noch durch antike
Kavernen hopsen ließ, ohne vorher den Staplerführerschein machen
zu müssen (damals; vor der Playstation 2), als man seine Aggressionen
durch unreflektiertes Alienkillen nachhaltig abbauen konnte (Vergib mir,
Vater, ich habe bei Doom gecheatet) und Final Fantasy VII das erste Spiel
war, das „Gott gemacht […]“ hatte! Aber, wir werden diese goldenen Jahre
wieder auferstehen lassen, Berndo und die anderen und ich. Dieses Wochenende
geht’s weiter: Die „Maniac Mansion Session 2004“ steht bevor. Ich sag
nur: Day of the Tentacle. Ich sag nur: Zak McKracken!
Ich sag nur: Benutze Hamster mit Mikrowelle!!!
Und ich frage Sie: Wer braucht schon Frauen, wenn er weiß, wo das Benzin
für die Kettensäge ist? Na? Hm? WAS???
Leicht echauffiert,
Seeman
P.S.:
Mein alter Freund Berndo
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