DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Ich packe meinen Koffer

Wir wollen uns nun geistig die Hände reichen und jenes symbolische Jahr, nicht `84, aber – close enough – immerhin 1988 vergegenwärtigen. Die Mauer stand noch, Reagan gab an Bush den Älteren ab, Walkmänner waren der letzte Schrei und Grün zu Pink, kein Mensch hatte ein Handy dafür Gorbatschow ein Muttermal, Guns`n`Roses ritten auf dem Erfolg von „Appetite for Destruction“, man trug die Haare wie ein frisch gebumster Wellensittich und hielt sich möglichst von Tschernobyl fern, Lennon war tot, Jelzin besoffen, ich sieben Jahre alt.

Thomas Bernhard, der unverdauliche Splitter, den sich das österreichische Volk in seiner Nachkriegsaufgeblähtheit eingetreten hatte, war die letzten dreißig Jahre emsig damit beschäftigt gewesen, vom Fuße der Nation die Blutbahn nach oben zu wandern und nun dem Herz so nahe wie nie. Am 19. September werden im Presseerzeugnis „Profil“ erste Zitate eines Stückes mit dem unheilschwangeren Titel „Heldenplatz“ abgedruckt, ohne Begleitkommentar oder nähere Erklärung. Die Geburtswehen eines beispiellosen Medienhypes sind initiiert.

Wir gewärtigen den brisanten Inhalt: Ein vor den Nazis nach Oxford geflüchteter jüdischer Mathematikprofessor kehrt auf Bitten des Bürgermeisters nach Wien zurück und sieht schlussendlich keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord, denn die Situation im gegenwärtigen Österreich „ist noch viel schlimmer als vor fünfzig Jahren.“ Er stürzt sich aus dem Fenster seiner Wohnung. Die Familie des Professors trifft sich anlässlich des Begräbnisses in dieser Wohnung, in der Nähe des Heldenplatzes gelegen, auf dem am 15. März 1938 Adolf Hitler unter dem ekstatischen Jubel der Anwesenden Bevölkerung den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland verkündet hat. Die Frau des Professors leidet an einer schweren Psychose und hört noch heute, fünfzig Jahre später, beständig das Jubeln der Massen vom Heldenplatz.

Der Enddarm des österreichischen Unterbewusstseins, die Kronen Zeitung, läuft ob dieses Sakrilegs wider der gemütlichen Vergangenheitsbewältigung als hilfloses Opfer vom bösen, bösen Nazideutschland augenblicklich Amok und bringt ohne Leserbriefe allein 43 Artikel zum Thema Bernhard und seine „skandalöse Österreichbesudelung“. Unser aller Jörgel fordert: „Hinaus mit dem Schuft aus Wien“, das einhellige Medien- und Politikecho ist „Skandal!“ Am 4. November ist, von Demonstrationen und Protesten begleitet im Burgtheater die Premiere, zum ersten Mal sehen die Schreier das Stück in voller Länge anstatt einiger herausgepickter Zitatfetzen, der angebliche Skandal fällt in sich zusammen, Thomas Bernhard, bereits vom Tode gezeichnet, betritt die Bühne und erhält 40 Minuten stehende Ovationen.

Während sich die gesamte Nation also dergestalt gebärdet, dass nicht einmal der Meister selbst es trefflicher hätte erfinden können, gibt es doch einzelne Rufer in der Wüste der unhinterfragten Vorurteilsverblödung. So schreibt zb. Günther „Die Braue“ Nenning, seines Zeichens Autor, Journalist, Grünengründer und politischer Aktivistin in „Die Zeit“: „Bei Bernhard ist ganz klar, was er will. Er will, was wir alle wollen, deswegen ist er der richtige Nationaldichter. Er spricht für die österreichische Nation, die sich in ihm nicht wiedererkennt. Er ist der einzige verkannte Nationaldichter. Wenn er aus dem Cafehaus tritt, wo er alle Zeitungen liest, um die Wut am Kochen zu halten, verstellen ihm die Wiener den Weg und sagen, er gehört aufgehängt. Ja wie ein Bundespräsident gehört er an die Wand in jedem Raum, der sich dafür eignet, unser Bernhard, unser wirklicher Präsident.“

Sauber, denkt man, wenigstens einer. Leider jedoch war besagter Nenning noch nie ein ganz unproblematischer Charakter, zudem auch sehr Kronenzeitungsnahe und fühlt sich offenbar nun, sechzehn Jahre nach diesem Moment der geistigen Klarheit, zum Gralshüter der österreichischen Literatur berufen, was sich in der Symptomatik dergestalt äußert, dass er zum 50jährigen Jubiläum der Republik ein Sammelwerk mit Texten der wichtigsten österreichischen Autoren unter dem beinahe schon genial anmutenden Arbeitstitel „AUSTROKOFFER“ herauszugeben beabsichtigt.

130 Autoren und 18 Bände sollte er beinhalten, einziges Problem dabei: Kein Mensch will da rein. Handke, Heller und Jelinek, gut, das war zu erwarten bei Regierungssubvention. Aichinger, Frischmuth und Streeruwitz haben ihre Gründe. Aha. Sogar von namhaften Autoren wie Friedrich Achleitner hört man plötzlich zum ersten Mal den Namen, dann schießt er aber gleich den Vogel ab: "Ich habe einen befreundeten Rechtsanwalt gefragt, ob 'Austrokoffer' als Schimpfwort in Wien klagbar ist. Es ist"

Dazu muss man wissen, dass „Koffer“ als österreichischer Dialektterminus einen Menschen mit „dezidiert geringen geistigen Kapazitäten" beschreibt, im Komperativ zum „Vollkoffer“ wird und jetzt, dank der Braue, endlich, über den finalen Superlativ verfügt: „Austrokoffer“. Ach, ich liebe euch einfach, Burschen.

Verständlich also, dass wenige bis keine Autoren sich in den „Austrokoffer“ wünschen. Von Achleitner bis Zoderer, das wird wohl leider nix. Immerhin, bei „B“ könnte es fruchten. Bachmann und Bernhard, die können nicht viel mehr tun, als in ihren Gräbern zu rotieren.

Und wenn dann im Cafe Bräunerhof plötzlich die Tassen fliegen, das Geschirr bricht und statt Zucker Salz im Streuer sich findet, dann wird das der Geist von Thomas Bernhard sein, der wieder umgeht und ebenjenes Land heimsucht, dass es schon zu seinen Lebzeiten so bitter nötig hatte.


Habe die Ehre,

Seeman





DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

SeemanSalztod
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Cynthia B. McKittchnique
[131 133 135 137
139 141 143 145
147]

Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121 123 125
127 129
]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
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50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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