DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Rasse en Masse


Seit ich über meine schwere Hustenzuckerlabhängigkeit in wilden Jugendjahren zu Jesus fand, verfolge ich – meine Damen und Herren Geschworenen – ja jeden Stolperer der Pharmaindustrie mit einem argusschen Auge. Daher bin ich im Sinne des Bildungsauftrages von bademeister.ch dankenswerterweise in der Lage, dem geneigten Leser eine meinen Unmut in höchster Weise erregende Entwicklung im Medikamentensektor hiermit vorstellig zu machen:
Darf man den Medien Glauben schenken – was ich, man kann es nicht oft genug betonen, nicht tue – belebt die Pharmaindustrie in jüngster Entwicklung ein gottlob vor sechzig Jahren untergegangenes Bemänteln von Herrschaftswahnsinn neu: die Rassendiskussion.

Denn, so lese ich alarmiert, sei es schon längst medizinischer Usus, dass amerikanische Psychiater ihren afroamerikanischen Patienten eine niedrigere Dosis „Pro Zack“ (Name verfälscht, um rechtliche Komplikationen zu vermeiden) verschreiben, da „Schwarze die Stimmungsaufheller langsamer verarbeiten als Weiße oder Asiaten“. Auch ACE-Hemmer, blutdrucksenkende Herzmittel, schlügen bei Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe völlig unterschiedlich an. Die genetischen Unterschiede ethnischer „Ureltern“ seien zwar mit 0,1% minimal, lese ich, doch ausschlaggebend um auf die „genetische Variabilität der Spezies“ zu reagieren.
In dem man diese Unterschiede wie bisher unter den Tisch kehre, „erweise man Minoritäten letztlich einen Bärendienst“. Hämachromatose etwa, eine erbliche Eisenspeicherkrankheit, sei „bei Chinesen und Indern nahezu unbekannt“, dafür schlügen sich aber „7,5% aller Schweden“ damit herum. In Europa und Nordamerika lebende Juden seien sehr für die tödliche Tay-Sachs-Krankheit anfällig und Schwarze litten in statistischer Häufung an Sichelzellenanämie.

Na aber hallo! Ethnische Medikation? Genetischer Rassismus, schon längst salonfähig? Was geht da ab, oh ihr Pharmazeutiker? Wir gewahren das inzwischen als diskriminierend überholte, 1994 erschienene Skandalwerk „The Bell Curve“, in dem der Psychologe Richard Herrnstein und der Soziologe Charles Murray angeblich „belegen“, dass auf der Intelligenzskala Asiaten und Juden obenan stünden, Schwarze hingegen am Ende und zwar aufgrund eben des genetischen Unterschiedes und wenden uns darob mit Grausen ab, um festzustellen, dass es, um zu erkennen, wer in der österreichischen Politik hart am Boden der Skala kratzt, keinerlei empirischer Erhebungen bedarf.

Im themenverwandten Komplex ist nämlich der stellvertretende Wiener FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, so lese ich, von einem Verbindungsgenossen über die Debatte eines möglichen EU-Beitritts der Türkei derart echauffiert worden, dass ihm in offensichtlicher Ermangelung des Verstandes und der Worte keine andere Wahl mehr blieb, als vom Delinquenten zu schlechter Letzt in alter Burschenschaftlermanier Satisfaktion zu fordern. Sprich: die mannhaften Burschen stehen sich gegenüber und hauen sich mit „Säbeln“ ins Gesicht. „Contrahage“, nenne man dies, im Burschenschaftsjargon.

Bravo! Einmal mehr fühle ich mich in geradezu unerträglichem Maße vom Regierungskoalitionspartner FPÖ und dem dort herumgrundelnden Personal in meiner Identität als Österreicher repräsentiert. Zwei bierselige Deppen, die sich mit stumpfen Stöcken die Schädeldecken planieren, das ist genau die Art von kompetenter Auseinandersetzung zu tagespolitischen Themen, die ich mir mit großem Bahnhof wünsche. Auch zwingt mich diese tragische Zeitungsnotiz, meine über den Daumen gepeilte Schätzung des geistigen Zustandes besagten Herrn Straches zu revidieren, die sich bisher im ungefähren Bereich von –500 bewegte. Da aber selbst mit einem hart erarbeiteten Maturapinsch in Mathe hängen blieb, dass Minus und Minus gleich Plus macht, muss ich eine krasse Fehleinschätzung eingestehen: Vorher war vermutlich 0,002 oder so, jetzt ist der Nullpunkt definitiv erreicht.

Wenn es nicht so traurig wäre, wär es ja schon wieder lustig. Immerhin, einen Punkt des Ehrenkodex der strammen Recken übernehme ich gänzlich: Ich duelliere mich nur noch auf Augenhöhe.

Und, Burschen, ihr schafft es nicht mal annähernd zum Gegner!


Wer braucht da noch Satire?
Seeman





DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

SeemanSalztod
[77 79 81 83
85 87 89 91
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102 104 106 108
110 112 114 116
118 120 122 124
126 128 130 132 134 136
138 140 142 144 146 148
150 152 155]

Cynthia B. McKittchnique
[131 133 135 137
139 141 143 145
147 149 151 153 156]

Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121 123 125
127 129
154]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
21 23 25 27 28
30 32 34 36 38
40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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