DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Die Mathematik der Ekstase
Brennend interessanter Artikel neulich: Jeder
hundertste Brite bezeichnet sich als asexuell. Asexualität,
zu deutsch: Nichtsexualität, ist eine Bezeichnung für Menschen,
die keinerlei sexuelle Interessen an ihren Mitmenschen haben und
sich in logischer Folge nichts aus Sexualbeziehungen machen. Leute,
die einfach keine Lust auf Sex haben. Gibt`s doch nicht … HA!
2459 registrierte User findet man bei AVEN, dem „Asexual Visibility and
Education Network“. Dort erfährt man auch, dass es vier
Grundtypen der Asexualität zu definieren gilt:
• Typ A: Ein Sextrieb ist vorhanden, es gibt allerdings gar kein Interesse
an romantischen Beziehungen.
• Typ B: Ein Bedürfnis nach Romantik ist vorhanden, ein Sextrieb fehlt
vollständig.
• Typ C: Sowohl ein Sextrieb als auch ein Bedürfnis nach romantischen
Beziehungen ist vorhanden.
• Typ D: Weder ein Sextrieb noch ein Bedürfnis nach romantischen Beziehungen
existiert.
Ist das geil, oder was? Ihr findet eher: oder was? Ich möchte meine
diesbezüglichen Gedankenverwurstungen präsentieren:
Ich bin ja fasziniert vom Begriff des „Tabus“, wusstet ihr, dass
es eine „Tabuforschung“ gibt? Sogar ein „Lexikon der Tabubrüche“
existiert, von Platon bis Stefan Raab, von Lindenstraße bis Splatterpunk,
Juhuu!
Das Wort „Tabu“ entstammt dem Sprachgebrauch der Südseeinsulaner
und bedeutet „unverletzlich“, wobei man in der Forschung zwischen
„Objekttabus“, „Tattabus“, „Worttabus“ … unterscheidet, bla. Denn
selbstverständlich muss man unterscheiden: theoretisch leben wir in einer
sexuell tabulosen Gesellschaft. Praktisch natürlich nicht, aber das soll uns
jetzt nicht weiter jucken, wir wenden uns der Theorie zu.
Und die ist, wo auch sonst, in der französischen Literatur zu finden.
Die Ausweitung der Krampfzone. Die UrUrUrUrableger des
göttlichen Marquis. Zweifellos ist die Aussage berechtigt, dass
der Marquis de Sade ein saumäßiger Schriftsteller war. Keine Charaktere,
weil sämtlich austauschbar, keine Handlung außer eh schon wissen, das
aber dafür na da schau her! Und alles noch ziemlich langweilig. Das kommt
daher, weil der Marquis de Sade eigentlich überhaupt kein Schriftsteller
war: er war vielmehr die personifizierte Summe sämtlicher sexueller
Tabubrüche. Der finale fäkalienfressende Superlativ von bacchantischen
Blutorgien über anal praktizierten Inzest im Beichtstuhl bis zu
ultranekrophilem-was-weiß-ich. Nach dem Marquis de Sade gab es theoretisch
kein sexuelles Tabu mehr, das man noch
hätte brechen können, von kleinen Ausnahmen abgesehen, die
zum Beispiel für Leopold von Sacher-Masoch überblieben.
Houellebecq, der jüngst vermutlich prominenteste Ableger, meint dazu:
„Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt
der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben
täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder
überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das
nennt man das `Marktgesetz`.“
Natürlich stimmt das, jeder Schritt vor die Haustür beweist es; es ist die
Kehrseite der sexuellen Revolution – Der Körper ist Kapital, hässliche,
alte oder kranke Individuen sind, um mit Houellebecq zu sprechen, „zur
Einsamkeit und Onanie verdammt“ und können sich auch längst nicht mehr
in ideologische oder religiöse Ausflüchte retten.
Trotzdem hat er Unrecht. Sogar wenn er Recht hat, hat er Unrecht. Weil
das im Grunde völlig wurscht ist.
Stellt man sich im leichten Heimatdichterwahn die Sexualität als Wiese
vor, über die die Menschen laufen, dann gibt es jene, die sich nur
an die Blumen halten und sagen: „Wie schön die sind. Wie toll die
riechen. Hier möchte ich gar nicht mehr weg. Lasst uns singen und
tanzen und eine liberale Fungesellschaft sein.“ Und dann gibt
es Typen wie Houellebecq, die einsam auf
dem Komposthaufen stehen und brüllen: „Seht ihr das denn nicht? Seht
ihr mich nicht? Hier werdet ihr alle enden. Alles endet hier, ich habe das
ohne jeden Restzweifel bewiesen, indem ich hier stehe. Was für einen
Sinn haben die Blumen, und das Tanzen und die ganze Gaudi, wenn doch
alles hier endet?“ Und keiner will vom anderen was wissen. Bis plötzlich
ein bisher unbekanntes Wesen angeflogen kommt, einen halben Meter
über dem Kunstrasen schwebt und sagt: „Ich brauche die Wiese gar nicht.
Hab gar keinen Bock.“
Natürlich ist, abgesehen von liberalen Fungesellschaften und
zwangsfixierten Endzeitpropheten à la Houellebecq nichts sinnloser
als die Trendforschung, aber der Zeitgeist ist ein Pendel, die
Geschichte demonstriert es, der Hausverstand zeichnet es vor.
In einer Gesellschaft in der Atheismus
die Norm ist, wird Religion zur Rebellion. Als vollendete Nutte
des Tabubruchs müsste man in der Anarchie zum Biedermeier werden,
im Arbeiterstaat zum Großkapitalisten und
auf Kuba zum Amerikaner.
Und weil ich darauf stehe, Erkenntnisse in erwartungsbrechenden
Gegensatzpaaren serviert zu bekommen
(- „Ich dachte, es sei das Licht am Ende des Tunnels, dabei war es nur der
entgegenkommende Zug nach Attnang-Puchheim, wie immer mit Verspätung“
- „Um ein bisschen unrasiert auszusehen, muss man schon verdammt gut rasiert
sein“)
--- Hier zum Mitschreiben:
In einer abstrakten Welt ohne letztes sexuelles Tabu, ist keinen Sex zu
wollen, das nächste sexuelle Tabu!
Seeman
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148
150 152 155 157 160 162]
Cynthia B. McKittchnique [131 133 135 137 139 141 143 145
147 149
151 153 156 159]
Eleg [101 103 105 107 109 111 113 115 117 119 121 123 125 127 129 154 158 161 163]
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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