DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Phantomschmerz
Ich gebe zu, es geplant zu haben. Ja, ich habe es geplant.
Wie ein U-Boot Kommandant habe ich Eventualitäten ob
ihrer Gefährlichkeit evaluiert, wie ein Zugsführer habe
ich Marschrouten ausgeklügelt, potentiellen Hinterhalten vorgebeugt,
mir den Rücken freigehalten. Auf dass, wenn es zum Bruch
kommt, er zwischen meinen Ohren schon längst passiert sei.
Denn, seien wir uns ehrlich: eruptionsartig auftretende menschliche
Emotionalität hat etwas Widerwärtiges. Bebende Lippen,
tremolierende Stimmbänder, blähende Nasenflügel aus
denen Rotzblasen wachsen … Igitt! Der Geist ist billig,
das Fleisch, ach!
Der Trennung voraus ging natürlich, wie immer, der Kampf.
Nächtelang lag ich wach, wollte es nicht wahrhaben, dass
unsere langjährige Beziehung, die mir einst so viel gegeben hat, mich
auch nicht mal mehr im Entferntesten zu befriedigen vermochte.
Objektiv gesehen – und daran dürfte es gescheitert sein – war ich
immer der nehmende Teil. Was waren das für glückliche Zeiten.
Stundenlang, tagelang konnte ich dieses Wunder betrachten, ihm
lauschen ohne selbst ein Wort sprechen zu müssen,
fasziniert, gepackt, gefesselt. Quadratschädlige
Männer mit Schnauzbärten hämmerten an unsere Tür um zu fragen,
ob ich für diese Liaison auch zahlen würde, wie es Usus sei, im Milieu.
Worauf ich selbstredend behauptete, Single zu sein,
was glauben Sie von mir, ich bin doch nicht so einer!
Kennt ihr das Gefühl, wenn in einer Beziehung alles gesagt ist?
Schauderhaft! Alles ist nur noch eine Wiederholung, alles
abgedroschen und schon mal durchgekaut. Man sitzt sich
wie Betonklötze gegenüber, kann es nicht glauben. Die Angst
vor der Einsamkeit hält einen zusammen.
Ich gestehe: davon hatte ich mehr als genug. Und all die Freunde,
die in Beziehungen leben, welche der eigenen so bis aufs Letzte ähneln,
dass es zum Fürchten ist. Was würde ich sagen, wenn sie wieder
mal von ihren Abenden zu zweit schwärmten?
Die einem sagen: „Wir haben uns schon so an euch
gewöhnt! Was machen wir jetzt, wenn wir zu euch kommen und
da bist nur noch du?“
Und was würde ich mit all der Zeit anstellen, die ich hier
investiere, fragte ich mich. Ins Thomas-Bernhard-Archiv gehen?
Fünfhundert Kniebeugen pro Tag machen? Endlich die Tausendseiter
von William Gaddis lesen? Selber einen schreiben? Darüber
nachdenken, auf wie vielen Ebenen der Realität meine Hand
existiert, wie dieser Protagonist von Huxley, der sich deswegen
in die Einsamkeit des Gebirges zurückzieht? Da ist es doch
dann nicht mehr weit, bis man sich als Indianer
verkleidet und auf die Verkehrsinsel übersiedelt.
Ich sah mir die Singles in meinem Bekanntenkreis an,
aber fand keine Vorbilder. Die waren nicht um der
Einsamkeit willen Single, sondern nur, um sich
interessant zu machen. Und so was funktioniert ja
bekanntlich wie Oppenheimer und die Bombe:
schon, aber mit schrecklichen Konsequenzen für
die Menschheit. Weil die leider meistens sprechen
können. Und das dann auch tun. Und tun und tun und tun.
Kurzum: Ich zwang mich, standhaft zu sein. Augen zu und
durch. Ich rief meinen Freund Ferdinand (- nicht
„der Gschupfte“, aber selbstredend „Ferdl“) an, denn
wir hatten abgemacht, dass er nahtlos übernehmen
würde, wo ich aufhöre, um Komplikationen zu vermeiden,
da wird nicht lang gefragt. Sein Blick war ungläubig.
er hatte mich schon oft davon sprechen gehört, aber nie
geglaubt, dass ich es dermaleinst verwirklichen würde.
Ich auch nicht. Ich riss ihm 40 Eypos aus
der Hand und schob ihn durch die Tür.
Ein denkwürdiger Moment: Die Sonne ging in einem Kessel
voll Schmelzkäse unter, ein ferner Gimpel intonierte
die Carmina Burana, Passanten knallten gegen Litfasssäulen und
mein Freund Ferdinand schüttelte traurig den Kopf, als er so die
Straße runter lief, den Arm zärtlich um …
meinen gottverdammten Fernseher gelegt.
Seeman
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148
150 152 155 157 160 162 164]
Cynthia B. McKittchnique [131 133 135 137 139 141 143 145
147 149
151 153 156 159 165]
Eleg [101 103 105 107 109 111 113 115 117 119 121 123 125 127 129 154 158 161 163]
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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