DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Sinnlos glücklich
The same procedure as every beer: Nach der Party wankt man zum Auto, lallt Dinge wie "vielleicht doch eins zuviel " oder "tschulliung war die Bremse jetzt rechts oder links", dann gibt es einen Knall und dann nichts mehr. Wenn man dabei wenigstens Rilke zitiert hätte oder mit seiner grossen Liebe gevögelt oder beides gleichzeitig. Aber da uns gemeinhin wenig Zeit bleibt, den Exitus kreativ oder wenigstens obszön zu gestalten, sind die letzten Worte so banal wie die letzten Momente an sich. Auch die vorletzten. Neulich hatte ich selbst das Vergnügen den Karren (Bernds Karren) in den Dreck zu fahren, und da war mein letzter Gedanke nicht "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr gross" sondern "Fuck, und bei mir daheim sieht´s aus wie Sau". Auf meiner Unterwäsche war ausserdem Puh der Bär drauf, das fiel mir dann auch noch ein.
Zum Glück jedoch lernt man vom Fernsehen, was in Momenten wie diesem eigentlich zu tun ist. Erstens: gut aussehen. Zweitens: tragisch werden. Drittens: lächeln und sagen "Du wirst mir fehlen da oben", "Dad, wir sind Brüder" oder im besten Fall "Kannst du mir... nur ganz kurz ... einen bla...". So sind die Leute im Fernsehen, jawohl. Und wenn sie dann doch noch mit ihrem Perlweissleben davonkommen, haben sie schrecklich viel gelernt, wie sie nicht müde werden zu betonen. Sie "unternehmen" was mit ihren Söhnen, sie gehen angeln und zelten, sie sagen ihrer Frau dass sie unbedingt noch die Hochzeitsreise nachholen müssen und dann stellen sie der Frau die andere Frau vor. Ausserdem wird in den Sternenhimmel gestarrt, auch wenn der exakt so aussieht wie vorher, es wird "mal was richtig Abgefahrenes" gemacht wie ein Besuch bei Opa in der Seniorenresidenz, eine amorphe Ichkennhenrymooretonskulptur für den Vorgartenteich oder ein echtes Buch ("Mein Leben" heisst das dann und auf dem Einband sieht man den, der es nicht lassen kann, in schwarz-weiss vor einer Bücherwand oder beim Segeln), und nichts bleibt ohne den Kommentar "Ja, seit meinem Autounfall hat mein Leben einen Sinn". Falls der Verunfallte das nicht einsehen sollte, wird nachgeholfen. Hat jemand beispielsweise sämtliche Beine und Nachkommen verloren, kriegt er die Wange getätschelt und gesagt: "Sieh´s als Chance." Es kann einen sehr trübsinnig machen solche Filme zu sehen.
Und ich? Ich sah´s als Chance und änderte mein Leben radikal: Puh der Bär flog raus. Es war nicht leicht, aber einer von uns musste gehen. Ausserdem beschloss ich, nie wieder Auto zu fahren. Dann beschloss ich, nie wieder Bernds Auto zu fahren, und nach einer Woche sagte ich "Bernd, Autoschlüssel". Dann war alles wie immer: morgens elmex abends aronal und zwischendrin Arbeit simulieren. Ich habe nichts gelernt, keine Bäume gepflanzt, keine Kinder geworfen, keine Religion gegründet und kein Buch geschrieben. Mein Leben bleibt ohne Sinn. Fühlt sich gut an.
Eleg
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148
150 152 155 157 160 162 164 166 169 172 177]
Cynthia B. McKittchnique [131 133 135 137 139 141 143 145
147 149
151 153 156 159 165 168 171 174 176]
Eleg [101 103 105 107 109 111 113 115 117 119 121 123 125 127 129 154 158 161 163 167 170 173]
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75 175]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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