DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Das oft zitierte Buch lesen

Ich saß zuhause und spielte fetzige Blues Licks Bei 150 bpm, als Camilla anrief.

„Es ist wieder da. Du musst was machen. Ich dreh noch durch. Ich bin jetzt in der Vorlesung über die Streeruwitz. Wenn ich heimkomme, muss das erledigt sein.“

Ungnädig packte ich die Schinkenfleckerlkanone in meinen 2er Golf Bj. 78 mit Automatikschaltung (ein Erbstück) und fuhr zu ihrer Wohnung. Ich hab immer noch den Zweitschlüssel, aus Versehen. Ich ließ mich rein, nahm vor dem Kleiderschrank Aufstellung und legte an. Monstern kann man nur mit Schinkenfleckerl beikommen, weiß doch jeder. Die Tür flog auf und da saß das Monster. Es war gar nicht so groß, wirklich. Es sah ungefähr so aus, wie sich das Geräusch anhört, wenn man in eine Trompete bläst.

„Richard Billinger“, sagte das Monster. „Da schau her!“, entgegnete ich pfiffig. „Ich kannte mal einen Billinger“, sagte das Monster. „Ein oberösterreichischer Heimatdichter. Bevorzugte Themen: Gottesfurcht und Das bäuerliche Leben. Zwei Meter groß. Nazimitläufer. Homosexuell.“ „Das ist ja witzig“, sagte ich. „Genauso würden mich meine Freunde einem Blinden beschreiben“ „Schon klar“, sagte das Monster und zog bei mir ein.

Nun war das Monster ein denkbar angenehmer Mitbewohner. Es aß nicht, also ließ es nie Töpfe voll verkrusteter Ravioli am Herd stehen. Im Schrank hörte man es nicht schnarchen. Es hatte keinen Stuhlgang, also mussten die Spuren verheerender Niederlagen dort drinnen von mir stammen. Es rauchte nicht, dafür ich umso mehr. Und, nicht zuletzt, es hatte kein Sexleben. Obwohl mich der Gedanke, es da im Schrank bei meinen buchstäblich am letzten Faden hängenden Eiffelturm-Boxershorts zu wissen, gelegentlich nervös machte.

Wenn uns langweilig wurde sahen wir uns den Eichmann-Prozess auf DVD an oder das Monster filmte mich am Laptop beim Donnerstagskolumnenschreiben und wir legten dann Beethovens Neunte als Tonspur drunter und sahen uns DAS an, was uns aber immer halb durchdrehen ließ. Gelegentlich schädelten wir uns auch dezent einen in die Batterie und dann schüttete ich dem Monster mein Herz aus. Ich beichtete ihm meine Sorgen und Nöte und seelischen Defizite. Zum Beispiel meine Sozialphobie und Panikattacken. Supermarktkassenschlangen haben es mir angetan. Obwohl ich mich inzwischen ganz gut damit arrangiert habe. Zuerst war ich zu Tode erschrocken und hatte gedacht, es sei der Blutzucker. Ehrlich gesagt hab ich mich schon für einen Diabetiker gehalten. Jetzt rede ich mir ein, dass andere für den Kick aus Flugzeugen springen müssen und ich nur eine Dreierpackung Pizza beim Merkur holen. Obwohl, na ja. Ich hielt das Monster für einen bemerkenswert guten Zuhörer, bis ich merkte, dass es eingeschlafen war.

Im Sommer wurden wir schön sehnig und braun, weil wir uns Schwammerl einschnitten und dann die Salzach entlang radelten, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Je nach Wahl endeten wir dann entweder total weggetreten in der Königseeache oder im Salzachseebad. Manchmal wurde das Gefühl einer allumfassenden Sinnlosigkeit so groß, dass wir sogar ins Irish Pub gingen. Wenn die Türsteher wegen dem Monster deppert schauten, erklärte ich, es sei mein Cousin aus der Südsteiermark, die würden da auch so aussehen, wie sie sprechen. Wenn die Türsteher wegen mir deppert schauten, fraß sie das Monster.

Ich arbeite als Statist am Theater, beim Rosenkavalier. Es gibt nichts Beschisseneres, Geisttötenderes und kulturell Überschätzteres als das Gesamtsystem Theater, bis auf die sogenannten „Theatermenschen“ vielleicht, aber für 16 Auftritte per Monat bekommt man 900,- Eypos. Der Kavalier kommt rein und die Soldaten drehen sich um und salutieren ihm mit den Schwertern. Ich bin einer der Soldaten. Das Monster kam zu den Proben und erlebte mit, wie in alter Theaterpraxis die Schauspieler „Emotionen hoch kochen“ ließen, wenn Marginalien ihren Unmut erregten. Es hat etwas sehr Deprimierendes wenn man zwei fünfzigjährigen Männern dabei zusehen muss, wie sie einander mit hochroten Birnen: „Ruf doch deine Mami an!“ zubrüllen, aber zugleich steckt da auch viel Wahrheit drin über Fünfzigjährige und Schauspieler und Menschen. Danach fuhren das Monster und ich durch den Hellbrunngarten zum Steintheater und machten dort in den Höhlen ein Lagerfeuer, über dem wir Käsekrainer grillten, als plötzlich draußen auf der Bühne irgendein Verrückter eine Arie anstimmte. Zwischen den Steinschluchten im Dunkeln klang das phänomenal. Das Monster und ich teilten einen magischen Moment.

Dann wachte ich eines Morgens auf, der Sommer war vorbei und das Monster verschwunden. Ich dachte: Na ja. Und jetzt? Die Millionenshow anschauen? Die Kinder umarmen? Blutspenden? Das oft zitierte gute Buch lesen? Ich griff ins Regal und zog aufs Geratewohl zwei Exemplare heraus. Es waren: „Kokain“ von Pitigrilli und „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll. Wer hätte jemals gedacht, so fragte ich mich, dass mir Böll mehr geben würde als Pitigrilli, und beantwortete es gleich in einem: Ich. Nachdem ich sie gelesen habe. Was für ein großartiges Buch. So gänzlich undeformiert in dem Bewusstsein, Nachkriegsliteratur zu sein. Und deutschsprachig. Dafür witzig, großer Gott. Witzig.

Ich setzte mich an den PC und fuhr ihn hoch. Ich ging auf die Heinrich-Böll-Tribute-Seite. Ich nahm eine Handvoll Kirschen in den Mund und spuckte die Kerne an die Fensterscheibe, wo sie picken blieben. Ich kratzte mich an diversen delikaten Stellen. Dann browste ich durch die Fotogalerie bis ich gefunden hatte, was ich suchte:

Auf dem Foto der Abiturfeier von 1937 ist Heinrich Böll der Sechste von rechts. Der Zweite von links allerdings trinkt den Wein direkt aus der Flasche.

Seeman Salztod



DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

Cynthia B. McKittchnique
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SeemanSalztod
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Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121 123
125 127 129 154
158 161 163 167
170 173 178 182]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75 175 179 183]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
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86 88 90 92
94 96]

Horazio
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30 32 34 36 38
40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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