DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Confessions of a man insane enough to live with the freie Wildbahn des Arbeitsmarktes

Now I was young and easy under the apple boughs and unhappy as the grass was green because I had to hackl 40 Stunden die Woche an einem Ort in einem Betrieb der österreichischen Provinz, welcher sich dem fragwürdigen Begriff der Kultur und also der Operette verschrieben hatte.

Now I was young and easy und deshalb trafen mich gewisse Begleitumstände des so genannten „geregelten Arbeitsverhältnisses“ mehr oder weniger unvorbereitet. Dass es Menschen gibt, zum Beispiel, die sich ihr alkoholfreies Bier nicht zu trinken in der Lage sehen, wenn dieses nicht zuvor 13 Minuten und 44 Sekunden in der Geschirrspülmaschine erwärmt wurde. Dass deutsche Touristenrudel „Apfelschorle“ bestellen, wenn sie gespritzten Apfelsaft meinen. Dass rotweindampfende Operettenfregatten „Pikkolo“ plärren, wenn sie den Kellnerlehrling meinen, weil sie das für Wiener-Kaffeehaus-Style und also im Sinne des fragwürdigen Begriffs der Kultur halten. Dass Trinkgeld ein Mythos ist, der den Zahlkellnern vorbehalten bleibt. Dass der Aushilfskoch dem Stiefsohn (15) der Betriebspächterin mit der Faust ins Gesicht schlagen würde, zweimal, kalt und präzise wie eine Maschine, weil der Stiefsohn scherzhaft gefragt hatte, ob der Aushilfskoch am Vorabend wieder Saufen gewesen sei. Dass die Betriebspächterin dem heulenden Stiefsohn daraufhin erklärte, dass er halt nicht goschert sein darf. Zum Beispiel.

Now I was young und schon bedeutend weniger easy und in der Küche eines 4-Sterne-Thermenhotels, wo ich unmutig in 40 Litern stinkendem Rinderfond rührte, Seite an Seite mit der bärtigsten Frau, die ich in meinem Leben das Missvergnügen hatte, betrachten zu müssen. Sie war Abwäscherin und hatte tatsächlich einen Vollbart, pechschwarz, der mehr oder weniger nahtlos in die Achselhaare überging, die unter dem gedellten, wabbelnden Fleisch ihrer Oberarme baumelten. Ich konnte nichts essen, wenn sie sich im Aufenthaltsraum befand. Es ist mir buchstäblich hochgekommen. Der Rotisseur pflegte zu sagen: „Musst du rasieren, Bozena, borg ich dir amal meinen Rasierer“, und dann kam der Hoteldirektor (inzwischen pensioniert) und ließ die gesamte Küchenbrigade Aufstellung nehmen und ermahnte uns, 1,90 hoch und von unerschütterlicher Würde, gebrauchte Präservative nicht länger aus den Fenstern des Personalhauses zu werfen, das Hotel hätte einen Ruf in der Stadt. Worauf der Rotisseur entgegnete, seines könne es nicht sein, das habe er schon seit `89, er wasche es immer aus.

Now I was jedenfalls noch young und in einem Brauereigasthof, der sich dem mehr als fragwürdigen Begriff der „Erlebnisgastronomie“ verschrieben hatte und ich trainierte für den Marathon, oh ja: gezählte tausend Sitzplätze fasste das Beisl und siebenhundert davon der Gastgarten. Zehn Minuten südlich lag einer der größten Seen des Landes und wenn es Mittag schlug, frage nicht, füllte sich der Gastgarten innert Sekunden. Bekannt war das Etablissement vor allem für seine überdimensionalen Pizzen und nach ungefähr fünf Stunden, wenn die Sehnen zu klirren beginnen, wurden die drei in den korrekten Untergriff der linken Hand geklemmten Riesenteller (die auch noch sauheiß waren) immer schwerer und der Weg von der Küche zum entlegensten Punkt des Gastgartens immer schneller zurückgelegt. Nach sieben Stunden erreichten die Pizzen dann eher nach Art der Frisbee den Tisch. Das Alter des Hausmeisters war schwer zu schätzen, er sah aus wie 145 und war ein Phänomen: Er arbeitete von halb elf am Vormittag bis zwölf Uhr Mittag, dann nahm er am Stammtisch Position ein und orderte bis Mitternacht einen roten Spritzer nach dem anderen, unermüdlich wie ein Uhrwerk, jeden Tag. Ich hatte ein (1) Hemd mit Betriebslogo und ich wohnte im Betrieb (ein Fehler, den ihr niemals niemals machen dürft, Kinder!) und wusch jeden Abend die Salzkrustenränder meiner Schweißrückstände von Ärmeln und Rücken. Der Besitzer hatte den ursprünglich beschaulichen Landgasthof seiner Eltern dermaßen aufgemotzt, dass er nun (ging zumindest das Gerücht) millionenfach Verschuldet war. Tische, die sich drehen, 6 Bars, ein granitener Eingangstorbogen … zudem hatte er einen Sprachfehler, wahrscheinlich deshalb. Sobald er in Stress geriet (und er war IMMER im Stress) war es ihm nicht länger möglich, auch nur ein schlüssiges Wort von sich zu geben. Er bellte einem dann zerhackte, verstümmelte Silben ins Gesicht, wenn, sagen wir, vier Kaffee auf Tisch Fünfzehn sein Begehr waren, er bellte und stammelte und steigerte sich immer mehr in seine Wut, weil/sodass ihn keiner mehr verstehen konnte.

Gott, mir fällt eine Menge ein. Es würde jeden Rahmen sprengen. Einmal hab ich 24 Tage durchgearbeitet, den Weltrekordversuch im Bierfassstemmen hab ich miterlebt (nicht geschafft), Betten demoliert, Eier geklaut, die Hochzeitsfeier eines Stammtischmitgliedes, und wenn ich jemals eine per Katalog importierte Frau gesehen hab, dann war das dieses unglücklichste aller Mädchen, das perfekte Klischee: klein, stumm, mager, dunkelhäutig, rehäugig … zur Sperrstunde bestand ihr frischgebackener Gatte, der sich nicht mehr wirklich auf den Beinen halten konnte, darauf, für das Personal noch eine Runde springen zu lassen, zur Feier des Tages, Champagner, natürlich, der Nektar der Deppen, und während ich die Gläser füllte und sie daneben stand, stumm, rannen ihm plötzlich die Tränen über die Wangen und mit einer einzigen Handbewegung – Swuuusch – fegte er alle Gläser inklusive Flasche von der Bar und war brüllend aus der Tür und ich allein mit ihr, stumm, wir beide.

Der Punkt auf den ich kommen möchte, falls es einen gibt, ist vermutlich der: Die Beschäftigung in der Gastronomie krankt, wie der gesamte Dienstleistungssektor an folgendem: Wenn Menschen dir ihr Geld geben und dafür eine Leistung erwarten, kommt ihr wahres Gesicht zum Vorschein. Ah, seht sie euch an, wie sie dasitzen und ihre Handyspeicher checken und bestellen und rauchen und in ihre Fitnesssalate atmen – es ist zum Fürchten, wirklich.

Und ich denke an die Anekdote von dem Kellner eines Londoner Nobelrestaurants, die ich mal gelesen habe. Sie trug den Titel: „Margaret Thatcher ate my sperm“ und handelte von einem sehr speziellen Bestandteil der Minestrone. Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal mit der Cornelia und dem Kevin auf einen Kaffee trefft – diese Leute sind für Geld weder eure Leibeigenen und schon gar nicht eure Freunde. Man kann sich schon glücklich schätzen, wenn sie einem nicht Spülmittel irgendwo reinschütten.

Ich selbst bin nicht besser als jedes zweite Arschloch, nur dass ich nie fragen würde, mit extralauter Stimme, damit die Connie und der Kevin auch mitbekommen, dass ich echt Ahnung habe, ob das Jourgebäck auch eh wirklich „jour is“. Aber ich kann mich ja auch einfach nicht ernst nehmen. Wenn irgendjemand da draußen erwartet, dass ich das mit ihm tue, muss er mir in der Regel schon etwas mehr bieten, als sich.

Seeman



DIE DONNERSTAGSKOLUMNE



Was bisher geschah:

Cynthia B. McKittchnique
[131 133 135 137
139 141 143 145
147 149 151 153
156 159 165 168
171 174 176 180 184 188]

SeemanSalztod
[77 79 81 83
85 87 89 91
93 95 97 98
102 104 106 108
110 112 114 116
118 120 122 124
126 128 130 132
134 136 138 140
142 144 146 148
150 152 155 157
160 162 164 166
169 172 177 181 185]

Eleg
[101 103 105 107
109 111 113 115
117 119 121 123
125 127 129 154
158 161 163 167
170 173 178 182 186]

Horazio
[59 61 63 65
67 69 71 73
75 175 179 183]

Mercedes
[29 47 49 51
53 55 57 60
62 64 66 68
70 72 74 76
78 80 82 84
86 88 90 92
94 96]

Horazio
[1 3 5 7 9
11 13 15 17 19
21 23 25 27 28
30 32 34 36 38
40 42 44 46 48
50 52 54 56
58 100]

Claire Grange
[39 41 43 45]

Laura
[2 4 6 8 10
12 14 16 18 20
22 24 26]

Madame Kiwi
[31 33 35 37]





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