DIE DONNERSTAGSKOLUMNE


Herr, schenk mir Feindbilder

Frei nach Elisabeth Borchers: Aufgestanden um 13:43, am Sack gekratzt, an einer Thunfischdose gelutscht, durch die Wand meinen Nachbarn zugehört (die entweder weinen, lachen oder in einer mysteriösen Sprache was echt Abartiges machen, jetzt auch grad) und der Welt bewiesen: mein Herr war ich noch nie wirklich.

Dann Sex, of course, und zwar, mit Verlaub: Hardcore! Ich setz an, dividier ihn rein bis zum Anschlag von schräg unten rechts, spanne durch in Habtachtstellung, greif rüber aufs Nachtkasterl und zünde mir lässig eine an wobei ich ihn ihr bleibe und dabei die ganze Zeit aussehe wie der Ministrant, der ich mal war. Meine patentierte Technik, ich sollte echt Eintritt verlangen. Denn ich bin wie Dorian Gray, keiner kann ahnen, welche rohen Abgründe des Rock´n`Roll hinter meinem arglosen Jünglingsgesicht sich auftun. Am nächsten Morgen hatte sie dann einen Vaginalpilz und folgerichtig einen Buttermilchsee in der Möse, eventuell sollte ich zum Thema "Intimhygiene" doch noch mal recherchieren, bisweilen lass ich ihn halt einmal pro Monat in ein Glas Zipfer Märzen hängen und trink das dann auf Ex, reinigt auch inwendig, in österreichischen Gebirgsregionen friert oft das Wasser in den Leitungen fest.

Zudem auch der Gedanke, da drin den Fahrtenschwimmer zu machen nicht eben erbaute und wir, wie alle, die nicht können, wollen oder dürfen die Tage ja mit irgendwas zu füllen hatten. So beobachtete ich halt heimlich ihre Nasenrammeln, die beim Schnarchen leicht rasselten und zog verstohlen an ihrer Arschbehaarung, die schwarz war wie unsere zölibatären Vibrations es wurden. Und, wie allen, die nicht können, wollen oder dürfen blieb uns schließlich nur noch das wehende Banner der Kultur als freilich nie genügender Ersatz: Improvisationskonzert auf den fünf Orgeln des Salzburger Doms für 7,- Eypos per Pilz und Nase, es war übel.

Ich also raus und suche in alter Gewohnheit mein Heil in der Flucht zum Pressewarendealer, wobei ich wie stets auf dem Weg dorthin mit mir wette, welche der zwei einzig möglichen Optionen wohl das Cover der Hauspostille des Ehepaares F. (aufmerksamen Lesern meiner Kolumnen ein Begriff) zieren mag: Nackte Menschen oder Jörg Haider, hoffentlich nie in Kombination. Keine andere Zeitschrift beleuchtet ihn seit über einem Jahrzehnt auf Fotos dämonischer von unten, sowas schätze ich; Prinzipientreue in den Montagen. Jedoch ich werde überrascht, auf dem Cover nämlich findet sich Simon Wiesenthal, der gestorben ist. Darüber gäbe und gibt es viel zu schreiben, aber hoffentlich von Menschen, die kompetenter sind als ich oder aber Robert Menasse, der mir schön langsam tierisch auf die Nüsse geht.

Ich meine, erst schreibt er sowas wie einen medial gehypten "zweiten Heldenplatz", den eh keine Sau (oder zumindest diese hier) gelesen hat, und dann dieser Nachruf in Form folgender Szene:

Robert Menasse im Cafe Bräunerhof Ende der Achtziger zusammen mit Thomas Bernhard, Alfred Hrdlicka und Simon Wiesenthal. Bernhard auf seinem Stammplatz hat dem grantelnden Hrdlicka alle Zeitungen weggeschnappt, Wiesenthal in der Mitte bei Melange. Plötzlich, oho, ein Vögelein! Und zwar eine Krähe, welche sich ins Lokal verirrt hat. Verloren und panisch hopst das Vieh von Tisch zu Tisch, wird vom feinlederbeschuhten Klientel gestiefelt und von schleimigen Kellnern gejagt. Eine Phalanx aus Füßen bildet sich, um des rebellischen Vogels Herr zu werden und ihn wieder vor die Tür zu befördern, der aber mag so gar nicht und flattert nur um so panischer durch das Beisl. Thomas Bernhard, so die Legende, spannt sich großflächig die NZZ vor die Visage und grinst verstohlen ob der Szene. Da aber tut der Vogel einen letzten Hopser und lässt sich just auf der Schulter Bernhards nieder. Die Welt hält den Atem an. Der Vogel plustert sein Gefieder. Bernhard grinst reglos in die NZZ. Und SCHWUPP ist der Vogel raus zur Tür, woraufhin Simon Wiesenthal an Bernhards Tisch tritt und sowas sagt wie: "Sie sind ein Mensch" und noch was, das Robert Menasse zum Bedauern der Nachwelt jetzt aber leider so gar nicht mehr verstehen konnte.

Ich möchte dem geneigten Leser darlegen, was mich an diesem Bild stört. Erstens wirkt es schon mal auf Anhieb so authentisch und unkonstruiert wie, sagen wir, ein Hochzeitsfoto. Der Literatur bitterster Prophet mit dem schwarzgefiederten Todesboten auf der Schulter, eh klar, Herr Menasse, mir verstehen. Zweitens entlarvt die Schilderung den Schildernden: Ungustiös seine Kaffeehaustischnachbarn ausspechtelnd; aha, der Bernhard, so, so, der Hrdlicka. Der Wiesenthal, was der wieder anhat. Und drittens wissen wir inzwischen eh alle, dass es das einzige und einzig wahre Ziel der österreichischen Literatur sein kann, Thomas Bernhard zu werden. Er ist der Großglockner, alles andere kräult in seinem Schatten. Jeder kennt ihn, jeder kannte ihn, jeder hat mal irgendwo eine Frittatensuppe mit ihm gelöffelt und durfte, wenn er grad Schopenhauer gelesen hatte und in moderater Gemütslage sich befand, ihn gar "Thomas" nennen oder womöglich "Tommie". Ein Wunder, dass der Mann noch Zeit zu Schreiben fand, bei so vielen allerallerbesten Freunden.

Und dann dieser letzte Satz: Ich will diesen Bundespräsidenten nicht beim Begräbnis sehen, oder so ähnlich. Das haut ja schon ordentlich rein. Der wird aber traurig sein, dass er nicht kommen darf. Bisher war ich ja unsicher und schätzte die Jelinek in mancherlei Hinsicht auf in der Pole Position vor dem Mittelfeld. Sie war, sagen wir, zu 4/8 Thomas Bernhard. Aber in letzter Zeit hat Menasse zweifellos aufgeholt im großen österreichischen Ich-bin-aber-schon-der-aller-aller-aller-unbequemste-Nestbeschmutzer-Contest und ist jetzt zu, sagen wir, 3/5 Thomas Bernhard. Dazu kann ich echt nur gratulieren. Ich mein, was will man mehr?

Bis auf eine eigene künstlerische Identität vielleicht.

Seeman







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SeemanSalztod
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