DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Der bodenlose Schwingdeckeleimer der Seele
Ich sehe mich in der Tradition großer Autoren: Hemingway studierte die
Stierkämpfe für „die Form, die Bedeutung, die Courage, das Scheitern und den
Weg“, Bukowski ging zu Boxkämpfen und Pferderennen, Thomas Bernhard ins
Salzkammergut, Henry Miller in Anais Nin und ich zweimal monatlich ins
Textil-Teppich-Möbel-Imperium L.
Feldforschung von empirischster Brisanz geht einem hier wie Butter von der
Linse.
Hat man das Scharmützel mit den studierenden Greenpeace-Provisionssklaven
vor der Drehtür, wer jetzt wem die Patenschaft für einen Wal abkauft (an
rhetorisch fitten Tagen die mir) hinter sich, steuert der
Entdeckungsreisende kundigen Auges den „Kiddies Corner“ an. Hier nämlich
findet sich die nächste Stipendiatensplittergruppe; Pädagogikstudentinnen in
sämtlichen Graden der Aufschwemmung, meist aus Tirol oder Kärnten importiert
(leicht erkennbar an der ausgeprägten Oberarmbehaarung) und geradezu rührend
hilflos auf der Masse der dorthin abgeschobenen Kinder treibend. Auch
physikalisch interessant ist es zu beobachten wie das markerschütternde
Gebrüll der kleinen Gretzn die Plastikglaswände in konstanter Schwingung
hält. Zwei sachte Fingerspitzen darauf und man ist im Einklang mit sich und
seiner hoffentlich nachkommenfreien Zukunft.
Das allerdings büßt sich, spätestens bei der ersten Familie im
Drei-Generationen-Format die zwischen Klapphockern „Egon“ und dem
backofenresistenten Erdgeschirr munter dahinflaniert: Das Enkerl und die Omi
– ein Gesicht! Dieselben feisten roten Backen! Womöglich hat mich meine
moralische Erziehung in Form der „Werthers-Echte“-Fernsehwerbungen doch
nicht betrogen und alles wird irgendwann noch mal gut?
Eher öde dagegen sind die simplen heterosexuellen Paareinheiten, da
inflationär vorhanden. Hier ist höchstens spannend, wer wem als Haustier
nachdackelt. Von Jung und alternativ bis jung und konservativ aber deswegen
aufstrebend bis altersmilde Sorte, alles da. Sind Kinder vorhanden heißen
die Kääääwin und Jääänifaaa und die Väter dann meistens Gerald
(„Gääärrriii!!!“) oder Robert und haben kreisrunden Haarausfall. Die Mütter
decken das gesamte Spektrum der erziehungstechnischen Souveränität ab. Von
der altbewährten Mir-reicht´s-jetzt-mit-dir-Hauswatschn bis zum pädagogisch
wertvollen Wennst-jetzt-brav-bist-gibt’s-nachher-ein-Eis quälen sie sich
schnaufend durch die Gänge. Ausnahme bildet die Paarvariante
Extrem-trendig-trotz-Kind. Merkmale: sich ruhig, geradezu verdächtig ruhig
verhaltende Nachkommen die entweder stupide aus dem ultrahippen Kinderwagen
glotzend oder unsicheren Schritts an der durchgestylten Hand der Eltern
dahintaumelnd den Eindruck erwecken, als wär hier irgendwas nicht ganz
sauber. Vermutlich ein Viertel Rohypnol, das so genannte „Hyperl“ im
Flaschi, oder so was – die moderne Variante zum in Rum getränkten
Nuckelfetzen. Zudem fungiert bei solchen Kindern der Name als modisches
Accessoire und hebt sich dergestalt vom Pöbel ab: „Sedlazcek, Noel Batio
Finn der Zweite, deine Eltern warten an der Kasse auf dich …“ irgendwas, wo
man sich halt sicher sein kann, dass er oder sie von den anderen Gschrappen
ordentlich verdroschen wird dafür.
Obergeschoss 2 – Betten, Schlafzimmer, Sanitärbedarf: Hier werde ich Mensch,
hier darf ich’s sein. Flauschiger, türkiser Permanentteppich überall – da
hab ich immer das Bedürfnis, mir auf die Zunge zu beißen und muss
gleichzeitig kacken. Das kreisrunde Doppelbett mit Yin-Yang-Wäsche und meine
Aura sagt einen Bauernschnapser an. Chromstahlgestell mit Tigerfell – in so
was werden künftige Oberlippenbartträger gezeugt. Und, endlich, da ist er,
der Favorit meines heimlichen Herzens: die Variante
Flippiges-junges-Paar-geht-Bettenschauen-mit-der-Mutter. Ihrer Mutter. Er:
vermutlich hauptberuflich Call-Center-Agent oder sonst ein Alibiberuf in dem
man die Haare arschlochförmig trägt, Sie: hauptberuflich schwanger in spe.
Die Mutter: die Mutter. Weitere Ausführungen erübrigen sich. Ich bin ja
quasi DABEI, wenn der Mike ihn grunzend der Trixi reindübelt auf der
Matratze, auf der Mami probegelegen hat.
An dem Punkt wird mir regelmäßig schwarz vor Augen, eine gewaltige Melodie
erfüllt die Welt, Paganinis fünfte Caprice von einem Ericson-Handy gespielt,
ich habe das Gefühl, zu fallen, ins Bodenlose zu fallen und finde mich
plötzlich vor der Drehtür wieder mit einem mysteriösen Appetit auf
eingelegte Artischocken. In der linken Hand halte ich einen
Schwingdeckeleimer; auberginschalfarben und fünf Liter fassend, und in der
Rechten eine Lavalampe, die lang ist, irgendwie fettig und nicht in die Zeit
passt. - Wie Wolfgang Borcherts Frisur nach dem Krieg.
Seeman
P.S: Wie alles begann. Ein Jugendfoto.
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 208 212 216]
SeemanSalztod [77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 98 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148
150 152 155 157 160 162 164 166 169 172 177 181 185 189 193 198 202 204 209 213]
Eleg [101 103 105 107 109 111 113 115 117 119 121 123 125 127 129 154 158 161 163 167 170 173 178 182 186 189 194 195 199 203 206 210 214]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75 175 179 183 191 196 200 204 207 211 215]
Cynthia B. McKittchnique [131 133 135 137 139 141 143 145
147 149
151 153 156 159 165 168 171 174 176 180 184 188 192 201]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 100]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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