DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Moonlight Drive
Es gibt Indikatoren dafür, wenn im Leben etwas nicht richtig läuft. Geldsorgen? Der falsche Beruf, die falsche Ausbildung? Die falschen Freunde, schlechte Gewohnheiten? Derdie falsche Frau/Mann/Hamster? Resultat: Schuppenflechte, Akne, kreisrunder Haarausfall, weißliche Fingernägel ohne Halbmond im Nagelbett (immer auch ein Zeichen für mangelhaften bis fehlenden Charakter). Impotenz. Zum Beispiel. Das ist natürlich unschön. Dazu können die Symptome in Art und Häufigkeit je nach Person völlig unterschiedlich ausfallen. Man weiß also nie, was man bekommt.
Bei mir ist das so: ich steige abends ins Auto, um mir einen Vegetarierkebab vom Inder ums Eck zu holen und bevor ich weiß, was passiert ist, sitze ich fünfzig Kilometer südlich der italienischen Grenze auf der Motorhaube und sehe der Sonne beim Aufgehen zu. Bei mir läuft also offensichtlich etwas nicht ganz richtig. Na toll. Verfrühte Demenz, könnte man annehmen. Der Vegetarierkebab? Oder dass ich mir Hasch spritze, diese Jugend, man möchte sie allesamt in den Boden hauen, dass sie Zähne speiben. Doch weit gefehlt.
Unter den richtigen Umständen ist so eine Nachtfahrt mehr als nur so eine Nachtfahrt. Unter den richtigen Umständen kann so etwas beinahe metaphysischen Charakter annehmen. Ein meditativer Akt. Der, der drüben ankommt ist ein anderer als der, der hier wegfährt. Eine Reise ans Ende der Nacht. Die Seele baumelt, die Pupillen weiten sich, die Fußsohle streichelt das Pedal wie ein schnurrendes Kätzchen, der Mittelstreifen fährt einem mitten ins Hirn … wo war ich? Damit das so ist, bedarf es viererlei:
1) Eines Autos
2) Spontaneität
3) Es muß regnen
4) Der richtigen Musik
Diese Komponenten stehen in Beziehung zueinander und daher nicht zur Diskussion. Ich kenne zum Beispiel Leute, die darauf schwören, dass so eine Fahrt auch mit einem Motorrad möglich ist, wenn nicht sogar nur so der einzig wahre Weg. Die haben meistens Haare, Bärte und viel Leder an. Das sind Idioten. Erstens fällt so das hypnotische Klopfen und Rauschen des Regens auf dem Autodach weg. Wie soll man da jemals in Stimmung kommen? Zweitens sind dann die Straßen nass, man stürzt und bricht sich das Schlüsselbein, wenn nicht Ärgeres. Und drittens kann man auf einem Motorrad nicht Musik hören.
Welche Art von Musik sich für so eine spontane Fahrt durch die nachtschwarzen Regenfälle eignet, darüber ist naturgemäß viel und ausgiebig diskutiert worden. Eine statistisch auffällige Zahl an Personen wendet sich hier unerwartet der Klassik zu. Baumlange, bärenstarke Kerle, die ihr Privatleben sonst am liebsten damit füllen, dass sie zu hämmerndem Double-Base-Sound und kreischenden Gitarren ihre Schädel gegen Betonwände schlagen oder Rasierwasser trinken, kommen einem plötzlich mit den Berliner Philharmonikern oder der Academy of St. Martin in the Fields. Und dann nicht mal Beethoven oder Bach oder Wagner oder sonst etwas, was sich noch irgendwie nachvollziehen ließe. Aber Dvorak? Ein Violinkonzert von Mendelsohn-Bartholdy??? Ich habe es versucht, einmal, nur so, als Experiment. Es war ein Desaster.
Für mich haben sich im Lauf der Zeit (was bedeutet, wann immer ich ein Auto greifbar hatte, nicht zwingend auch die Erlaubnis zum Fahren desselben) folgende Bands bzw. Songs bzw. Genres als ideal herauskristallisiert:
- Der Klassiker für die Pistensau in dir ist und bleibt AC/DC. Nicht nur auf Parties wenn um halb sechs in der Früh der trunkene Gastgeber spaßhalber „Highway to Hell“ auflegt, auch auf demselben selbst fühlst du dich plötzlich wieder wie damals mit dreizehn und wie dir das Blut in die Ohren schießt. Zu nichts lässt sich so gut mitgrölen, nichts peitscht einen so vorwärts, seit über dreißig Jahren. Respekt. Dazu eignet sich ihr untypischster Song, „Ride on“, aus der frühen Bon-Scott-Phase, ganz besonders zur Einleitung, wenn man sich noch innerhalb der Stadtgrenzen befindet und einem zum Beispiel einfällt, dass man eigentlich morgen um halb neun in der Arbeit sein sollte. Die ersten drei Akkorde und alle unnötigen Bedenken sind verschwunden.
- Jazz ist ein schwieriges und unübersichtliches Thema. Meistens zu kompliziert für kontemplative Situationen wie diese. Sogar die ganz Großen. Ausnahmen sind einzelne Cool-Jazz-Nummern (Dave Brubeck, Chet Baker) und vor allem der viel zu plötzlich und unbekannt verstorbene Volker Kriegel: „Big Schlepp“, „Country Shit“ und wie sie alle heißen. Und, um den Göttern Tribut zu zollen, ein paar Takte von „Und schön ist die Fahrt“.
- Blues ist schon per definitionem dem Wesen unserer Lage verwandt. Hier will ich keine Grabenkriege anzetteln. Wer auf B.B. King schwört oder auf Clapton, der möge seiner Religion treu bleiben. Für mich haben die nie funktioniert. Meine Favoriten sind Buddy Guy, Muddy Waters, Horazio Lee Hooker, Horaziony Winter, Rory Gallagher oder Keb `Mo. Und wem nicht mindestens drei Gänsehautdübel zwischen den Beinen wachsen, wenn Stevie Ray Vaughan „Texas Flooding“ anstimmt, der ist eh innerlich tot.
- Für Momente der inneren Einkehr empfehle ich die traditionelle Linie: „Stairway to Heaven“, die frühen Pink Floyd, etwas Emerson Lake and Palmer und vor allem sehr, sehr viel Jethro Tull. Für Experimentierfreudige desgleichen. Plus Jefferson Airplane.
- Zum Ausklang epische Heldengesänge: Horaziony Cash, Leonard Cohen, sehr wenig von Nick Cave. Eine Prise Arlo Guthrie. „Closer to the Heart“ von Rush.
Zum Beispiel. Oder etwas völlig anderes. Volksmusik aus den Anden. Rumänische Folklore. Hochzeitsgeorgel. Was funktioniert. Fernhalten solle man sich vor, während und unmittelbar nach der Fahrt weitestgehend von: elektronischer Musik, Chartshits, Grenzbeamten mit Schnauzbärten und der eigenen Mutter, bzw. der Freundin, wenn sie durch ihr permanentes Gesemper der eigenen Mutter schon zu ähnlich geworden ist.
Viel Spaß.
Seeman
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