DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Eine kleine Gute-Nacht-Geschichte der elektrisch verstärkten Gitarre
Vor ungefähr vierzig Jahren, liebe Kinder, erfand ein Mann die elektrisch verstärkte Gitarre. Er tat dies, indem er mit einem ehemaligen Armeetechniker zusammenarbeitete, der ein Pedal gebaut hatte, mit dem man das Input-Signal der Gitarre eine Oktave höher wieder rausjagen und die beiden Klänge kombiniert mit einer extra Verzerrung durch die Boxen blasen konnte. Das klang so wie sich das anhört: ziemlich seltsam. Dem Mann gefiel der Klang.
Dieser Mann war jung und Linkshänder und Afroamerikaner. Sein Name war James Marshall. Es hatte die elektrisch verstärkte Gitarre schon vorher gegeben - - Jazz- und Bluesmusiker hatten sie dazu verwendet, um lautstärketechnisch gegen die Bläser der Big Bands anzukommen und auch Dick Dale, der König der Surfgitarre, verwendete sie. Aber erst jetzt war sie DA.
Der junge linkshändige afroamerikanische James Marshall setzte als erster den vorher unerwünschten Effekt der Rückkoppelung zwischen Gitarre und Verstärker als Stilmittel ein. Er spielte nicht einfach Akkorde sondern feuerte ein schier unpackbares Spektrum an Verzierungen, Patterns, Licks und Fills durch die Songstrukturen seiner Kompositionen. Er spielte gleichzeitig Rhythmus- und Leadgitarre. Er führte die Improvisation, die es bis dahin nur im Jazz gegeben hatte, in die Rockmusik ein. Er biss seine Gitarre, kratzte sie, schlug sie, setzte sie in Brand - - der junge Mann war verrückt.
Damals war es Usus unter den jungen Menschen, ein gar seltsames Kraut zu kiefeln, von dem man viele lustige Farben und Sachen sah. Die jungen Menschen fanden zu ihrer Freude heraus, dass die Dinge, die der junge linkshändige afroamerikanische James Marshall seiner Gitarre antat, ganz genauso klangen wie das, was sie sahen, wenn sie das seltsame Kraut gekiefelt hatten. Das machte den jungen linkshändigen afroamerikanischen James Marshall berühmt. Dann starb er.
Jedoch weitere Verrückte folgten seinem Ruf. Ein junger Engländer namens Richard Harold entdeckte, dass Arpeggios von Johann Sebastian Bach rückwärts abgespielt im 32el Takt auch auf der elektrisch verstärkten Gitarre ziemlich lässig klangen. Außerdem, dass es Spaß macht, Bandkollegen und Kameratechniker auf der Bühne mit allen erdenklichen Haushaltsgegenständen zu verprügeln, wenn in der Früh wieder zu wenig Milch für die Cornflakes da war. Ein weiterer junger Engländer mit Namen Frank Anthony fand heraus, dass dröhnende Riffs die wie Vorschlaghämmer über die Köpfe des Publikums donnern sich am besten mit nasal vorgetragenen Versen satanischer Art kombinieren lassen. Und der dritte Brite; James Patrick, erkannte, dass, wenn man Chuck Berry dreidimensional schaltet und dazu das lustigmachende Kraut kiefelt, man dann die elektrisch verstärkte Gitarre auch mit einem Geigenbogen spielen kann, weils eh schon wurscht ist.
So ging das einige Jahre. Richard Harold blieb bei seinen Arpeggios, Frank Anthony bei seinen Riffs und James Patrick beim lustigmachenden Kraut. Es gab auch andere, die sind aber unerheblich. Dann passierte es: Der niederländische Emigrantensohn Edward Lodewijk schloß die Schule ab und verdiente sich sein Brot (so die Legende) sauer und hart in einer Fischfabrik. Wie viele niederländische Emigrantensöhne hatte er ein „Van“ vor seinem Familiennamen, was im Musikbusiness nicht unbedingt das Schlechteste ist. Nach Feierabend pflegte er zur Entspannung sich mit einem Kasten Bier und zwei Packungen Zigaretten auf die Bettkante zu setzen und dezent den Gitarrenhals zu würgen. Sein älterer Bruder Alexander Arthur ging um diese Zeit gewöhnlich aus dem Haus um Partys zu feiern und Frauen aufzureißen, und wenn er um fünf Uhr morgens nach Hause kam, saß der junge Edward Lodewijk noch immer auf der Bettkante und würgte den Gitarrenhals. Nur das Bier und die Zigaretten waren dann weg. Der junge Edward Lodewijk war verrückt.
Eines Abends, als er das machte, nahm er bei einer der Kompositionen des jungen Briten James Patrick (siehe oben) zufällig den Zeigefinger der rechten Hand zum Spiel der Linken hinzu. Außerdem quetschte, drückte, rieb und presste er dazu noch eine Reihe von Klängen und Tönen aus der elektrisch verstärkten Gitarre, die seither kein anderer mehr zu quetschen, drücken, reiben und pressen vermochte, wie sehr man es auch versuchte (und wir alle haben es versucht). Die Folgen dessen waren nicht absehbar: Eine gesamte Generation von Musikschülern musste sich augenblicklich aus dem Fenster stürzen oder aber ebenfalls den Zeigefinger der rechten Hand zum Spiel der Linken dazunehmen. Sie entschied sich für Zweiteres.
Danach, davor und dazwischen passierte noch so einiges, liebe Kinder, aber da ich erstens sehe, dass die Hälfte von euch Saugschrappen bereits weggepennt ist und zweitens der Bademeister mich sonst wieder wegen der Kolumnenlänge erschlägt, kürze ich ab: JoeSatrianiSteveVaiYngwieMalmsteenStevieRayVaughanPaulGilbertJohnPetrucci
BrianMayJenniferBattenChrisImpelliteriJasonBeckerMichaelLeeFirkins
ShawnLaneSteveMorseJohnMcLaughlinPacodeLuciaAldiMeolaRebBeachVinnieMoore
JeffBeckEricClaptonJoeBonamassaEricJohnsonCarlosSantanaGaryMoore
MarkKnopflerMichaelSchenkerRandyRhoadsRobertFrippSteveLukatherTommyBolin
UliJonRothZakkWylde.
Damit sind wir im Heute angelangt --- wo es inzwischen sehr schlecht aussieht für die elektrisch verstärkte Gitarre, weil jeder zu glauben scheint, man müsse sie sich nur möglichst tief zwischen die Beine hängen und sich die Haare arschlochartig zusammengelen, um ein Musiker zu sein -- Wo es an euch ist, liebe Kinder, dagegen etwas zu tun - Und wo die meisten noch heute gestorben sind, weil sie nie gelebt haben.
Gute Nacht,
euer Seeman
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