DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
The Piper at the Gates of Gitarren
Nachdem wir die letzten Male vom Verfließen des männlichen Samens, Ueli Maurer und den sogenannten “Denksportaufgaben“ gelesen haben, liebe Kinder, widmen wir uns in dieser Episode der Donnerstagskolumne einem weiteren eminenten Übel: Gitarrenläden.
Im Grunde wären Gitarrenläden eine tolle Sache, denn dort gibt es Gitarren. An Wänden hängen sie, in Ständern stehen sie, in Ecken lehnen sie, auf Verstärkern liegen sie. Man kann durch ihre Reihen schreiten wie Gott zwischen Vulkanen, kann mit verhornten Fingerkuppen über Massivholzkörper, Knochensättel und Stahlseiten streichen, kann Preisschilder mit utopischen Jahreszahlen drauf betrachten, Plektren, Regler und Pedale befingern, hier dezent einen extra schlanken Hals würgen, dort einen Akkord grätschen und alle drei Meter - Raucherschutz be damned! - steht ein Aschenbecher. Im Grunde perfekt.
Wäre man im sogenannten Musikfachgeschäft der einzige Mensch (was man, realistisch betrachtet, oft ist), könnte für den Connaisseur höchstens noch die Bibliothek atmosphärentechnisch damit konkurrieren. Jedoch leider gibt es Störfaktoren: Man kommt rein und hinterm Verkaufsschalter stehen als erstes drei Typen deren Frisuren die Hoffnung ausdrücken, heute noch einen geblasen zu bekommen. Nachdem man denen erklärt hat, was man will (nämlich nichts) schiebt man sich durch die etwas konfus anmutende Großelterngeneration, die gerade an dem Versuch verzweifelt, fürs Enkerl zum Weihnachtsfest eine Blockflöte zu erstehen in den Gitarrenbereich, nur um festzustellen dass dort ein adipöser Spätdreissiger bestehend aus 90% Tätowierungsschäden und einem eruptierenden Ego den einzigen Probehocker besetzt hält. Und zwar nicht um zu spielen sondern vielmehr um im Zuge redundanter Monologe einem nur mäßig interessierten Publikum sein Privatleben darzulegen. Die hat er gefickt, dort hat er gespielt, dem hat er’s reingedrückt. Dazwischen schrummt er gelegentlich über die Saiten. Das Publikum besteht aus ihm innerlich wie äußerlich verwandten Individuen, die vermutlich hauptsächlich eines an seine Profilneurose bindet - - ebenfalls die Hoffnung auf den Probehocker. Irgendwer ist immer grade Vater geworden, irgendwer war grad da und dort mit [MÄCHTIG WICHTIGER NAME], irgendwer hat die oder den gefickt, irgendwer hats irgendwem reingedrückt. Keiner weiß irgendwas aber alle alles besser. Dazu läuft eine Art lauwarmer Gitarrenlehrerschmäh, den ich etwas schwer zu packen finde. Unschön. Äußerst unschön.
Das wäre auch schon alles, was ich zum Thema zu sagen habe, kurz, prägnant und politikfrei. Gäbe es da nicht einen Traum, den ich manchmal habe. Ihr müsst wissen, dann sehe ich nämlich kleine Kinder, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde vor einem verrückten Tor stehen und eine Pfeife haben. Ich müsste alle warnen, die in das Tor laufen wollen – ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und pfeifen und ihnen dann erklären, dass es hier zu den Gitarren geht. Ich würde ihnen sagen, dass sie nicht zu den Gitarren gehen sollen in der Hoffnung, deshalb einen geblasen zu bekommen oder irgendwann wie die Red Hot Chilli Peppers zu klingen oder ähnlicher Krampf. Ich würde ihnen sagen, dass es nicht darum geht jemanden zu ficken, irgendwo zu spielen oder es irgendwem reinzudrücken. Ich würde ihnen sagen, dass sie nur zu den Gitarren gehen sollen, wenn es ihnen ernst damit ist; wenn sie das tiefe, ehrliche, physische Bedürfnis danach verspüren. Ich würde ihnen erklären, was die Gitarre ist: eine Möglichkeit, die Welt auf sechs Saiten und vierundzwanzig Bünde zu reduzieren und damit eine der schönsten Arten zu versuchen, sich die Welt zu erklären. Und das wäre dann alles, was ich den ganzen Tag tun würde. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre. Ich wäre dann einfach der ... nein, Moment, ich glaub da verwechsle ich jetzt was. Ähem. Jetzt bin ich grad ein bisschen verwirrt. Was wollt ich noch ... Hat jemand John Lennon gesehen?
Seeman
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