DIE DONNERSTAGSKOLUMNE

Nicht Wilhelm, nicht Mercedes! Horazio!

Gegrüsst seid Ihr, ehrwürdige Leser der Donnerstagskolumne. Endlich ist es soweit. Lange habe ich darauf gewartet in die Fussstapfen des grossen Wilhelm (welch lustiger Künstlername) zu treten. Nun stehe ich da. Nach verschlungenen 57 Donnerstags-Kolumnen taste ich mich vorsichtig an den Rand des ersten Fussabdrucks, versuche meinen Schwerpunkt in Anusnähe zu verschieben, halte die Arme nach hinten, beuge mich lordastisch nach vorn, spähe über die Kante und muss erkennen, dass die Wilhelmschen Stanzungen ganz schön tief sind, die er hier auf des Bademeisters lustiger Heimseite hinterlassen hat. Und trotzdem wage ich den Schritt nach vorn. Horazio is tumbling down...

Horazio Navarro nennen mich meine mexikanischen Freunde zischend und R-rollend. Das sind allerdings nur wenige. Ich bin ein Kampfassimilator; weiche meinen gestrandeten Landsleuten gezielt aus und verbringe meine Freizeit lieber mit den Endemen meines Wahldomizils: Den Schweizern. Die Schweizer sind lustige, spontane, offene und überaus unverklemmte Leutchen. Gäbe es die Missionarsstellung im Dunkeln noch nicht, würde sie mit grösster Wahrscheinlichkeit in Kürze hier entdeckt werden. Der Schweizer ist anderen Nationen gegenüber äusserst wohl gesinnt und in der Umgangssprache haben sich so liebliche Ausdrucksformen für die fremden Mitbürger wie Saujugo, Tschingg, Spaniögel, Tschäps, Neger, Türg (?) oder gar Schiissschwab sehr einfach und ohne Propaganda der Sozialen-Verständnis-Partei (SVP) etabliert.

Mir als Südamerikaner gefallen natürlich vor allem die heissblütigen Volksfeste der Schweizer. Da wird dann mal so richtig ohne Hemmungen und voller Lebensenergie auf dem Festbank gesessen und gehockt. Manchmal übertreibt es so ein Wurschtrugeli-Latino und juchzt ungezwungen in die Menge. Zum Glück sind dann die Hüter des Gesetztes stets in der Nähe, greifen gezielt ein und können so ein Abdriften des Festaktes ins totale Chaos verhindern.

Ein besonderer Anlass ist der erste August. Dann gehen die Schweizer in die Drogerie (nein nicht die aus Uganda mit den weissen Zähnen beim Sihlquai) und kaufen Feuerwerk, Lampione und Fähnchen. Im Durchschnitt geben Sie dafür zwei Franken pro Person aus. Ist das nicht reizend? Diese überbordende Lebenslust gepart mit durchwegs sympathischer Bescheidenheit. Wichtig aber auch wieder am Nationalfeiertag der freundliche Einbezug der Gastfamilien ins Festgeschehen. Bereits Wochen vor dem Independence Day beginnen die eingewanderten Ex-Yugoslaven (eben noch im Balkan jetzt schon auf'm Balkon) damit die Vorfreude der Schweizer zu kitzeln, indem Sie diese wusligen Kleinst-Raketchen in die Luft lassen was das Zeug hält (ssssssst-peng). DAS ist Integration. Im mittigsten Mitteleuropa weiss man auch ungemein taktvoll mit der Privatspähre seiner Mitmenschen umzugehen. Es gibt doch nichts Unangenehmeres als einen unerwünschten Besuch während der Penetration von minderjährigen Familienangehörigen oder der Züchtigung seiner Ehefrau. Nein. Man begnügt sich schon damit den Nachbarn auf die Nichteinhaltung des Waschplans aufmerksam zu machen oder ab und zu mal das ungenau parkierte Fahrrad umzuwerfen.

Der Schweizer ist überaus gesellig, hilfsbereit, geduldig und freundlich. Es ist so Sitte in öffentlichen Verkehrsmitteln durch geschickte Platzierung einer Tragtasche stets einen Sitz für bedürftige Nachzügler freizuhalten. Während Aufzugsfahrten kommt es des Öfteren vor, dass einem ein aufgeschlossener Mitreisender "Adieu", nicht selten gar "Grüezi" zuflüstert. An Ampeln wird Grünlicht-verpassenden Lenkern schon nach wenigen Tausendstelsekunden freundlich zugehupt und am Skilift macht man sich durch behutsames Skikanten-Tütschen auf eine bedrohlich wachsende Lücke im Vorfeld aufmerksam.

In diesem Land möchte ich sterben*

Su Horazio

*Sagen sich übrigens auch mehr als drei Selbstmörder pro Tag






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Laura [2 4 6 8 10 12
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Madame Kiwi [31 33 35 37]





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