DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
GOTT VERGIBT, DIE FAMILIE NIE
Beim lesen dieser pubertären Reminiszenzen, liebe Mercedes, explodierten
augenblicklich meine kleinen Autosuggestionstechniken (denen ich
beispielsweise auch eine Abneigung gegen Schokopudding
verdanke) und katapultierten mich zurück in die Zeiten meiner eigenen
Adoleszenzkrise. Ich überspringe jetzt mal den Sabber, der durch
Zahnklammern auf ÖKM - Magazine tropft und das legendäre
Schauonanieren im Umkleideraum der Mädchen von `87
und komme gleich zu jener Verkettung unglückseliger, apokalyptische
Ausmaße annehmender Begebenheiten, die mich
seit den Zeiten des ersten Ejakulates bis zur Gegenwart verfolgt: Das
Vorstellig werden bei IHREN Eltern.
Wie eine geistig gesunde Frau auf den Gedanken kommen kann,
es sei für irgendjemanden von Vorteil, mich ihrer Familie zu präsentieren,
wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Väter verlängerten bei meinem
Anblick regelmäßig ihre Jagdscheine, Mütter fielen auf die Knie und flehten
den
Erlöser um Gnade an, Haustiere erinnerten sich unkonditionierter
Reflexe zum Sippenschutz und fielen über mich her, Brüder verprügelten mich
im
johlenden Dutzend, Großmütter erwischten mich beim Kiffen am Gästeklo,
Tanten
fragten mich warum ich einen Turban und Blech im Gesicht trage,
Onkel interessierten sich für meine biomechanischen Tätowierungen
und dafür, „wie lange ich schon draußen bin“,
im Vorgarten fielen Rotkehlchen tot vom Baum und die
liebevoll gehätschelte Vegetation im Familienwintergarten metamorphierte
bei meinem Eintreten zu Kompost, kurz: Es war jedes
Mal ein Desaster und anstatt die Beziehung auf die nächste
Stufe zu erheben, wurde sie unmittelbar beendet.
Dafür weiche ich inzwischen Fragen nach Zukunftsperspektiven
und Erwerbstätigkeit mit einer routinierten Eloquenz aus,
die so manchen langzeitarbeitslosen Berufsschnorrer
(= meine eigentliche Zukunftsperspektive) die Schamesröte ins Gesicht
treiben
würde und gestählt durch das jahrelange Funkeln hassender Erzeugeraugen,
die zwischen meinen Beinen baumelnd die potentielle Defloration
der Tochter erkannten, gehe ich sicheren Schrittes und erhobenen
Hauptes durch die vierzehntägige Inquisition genervter
AMS – Mitarbeiter. („Wo ham`s sich denn vorg`stellt?
Tun`s sich net mit uns spielen, sonst sind die Bezüge
schneller weg als` glauben!“)
Hat ja alles zwei Seiten.
Immer noch auf die Vollwaise meiner Träume wartend,
Seeman
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DIE DONNERSTAGSKOLUMNE
Was bisher geschah:
Mercedes [29 47 49 51 53 55 57 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78]
SeemanSalztod [77]
Horazio [59 61 63 65 67 69 71 73 75]
Horazio [1 3 5 7 9 11 13 15 17 19 21 23 25 27 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58]
Claire Grange [39 41 43 45]
Laura [2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26]
Madame Kiwi [31 33 35 37]
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